Update: 16.10.2016

Der erdbebenresistente Turm
Der Bismarckturm in Concepcion/Chile

Bauplanung

Der Bau dieses Bismarckturmes wurde vom Bund deutscher Turnvereine in Chile (hieß später Deutsch-Chilenischer Turnverband) angeregt.

Am 3. Bundes-Turntag am 02.11.1918 in Concepcion spendete Artur Junge einen Hektar Bauland (150 m lang, 66,66 m breit im Wert von 2.000 Pesos) auf dem Caracolberg sowie Granitsteine und zusätzlich 1.000 Pesos zum Bau eines „Deutschen Turmes“, der zum Andenken an den 1. Reichskanzler Bismarckturm genannt werden sollte. Gleichzeitig war geplant, dieses Bauwerk auch als Ehrenmal aller Chile-Kämpfer zu errichten. Dazu sollten in einer Ehrenhalle Gedenktafeln mit den Namen aller Kämpfer aufgehängt werden.

Am 12.08.1920 wurde ein Vertrag zwischen Artur Junge und dem Bund Deutscher Turnvereine in Chile, vertreten von German Vogel, abgeschlossen.

Entworfen wurde dieser viereckige Turm mit leicht zurückgesetztem Aufbau vom Architekten Roderich von Stillfried aus Valparaiso.


Bauarbeiten

Die Bauleitung und Ausführung erfolgte durch John Theune aus Concepcion.

Als Baumaterial wurden Granitsteine verwendet.


Turmbeschreibung (zur Zeit der Einweihung)

Der knapp 10 m hohe viereckige Aussichtsturm ohne Befeuerungseinrichtung ruht auf einer quadratischen Fundamentplatte von ca. 10 m Seitenlänge.

Die Seitenlänge am Sockel des quadratischen Turmes beträgt ca. 6 m. Der Turmschaft verjüngt sich nach oben. In gut 5 m Höhe befindet sich eine Auskragung, auf der der leicht zurückgesetzte Aufbau mit jeweils zwei parallel angelegten rundbogigen Ausgucken aufgesetzt ist. Der Aufbau ist an den Seiten abgerundet. Auf dem Turmaufbau (Turmkopf) befindet sich eine Aussichtsplattform in etwa 10 m Höhe.

Über dem Eingang zur Ehrenhalle (Westseite) wurde ein Bismarck-Medaillon in Stein angebracht.

Über drei mittige, 2,40 m breite Stufen gelangt man auf die Fundamentplatte auf der Westseite des Turmes. Durch das zweiflügelige Eingangsportal (1,30 m x 2 m) betritt man die Ehrenhalle des Bauwerkes.

Auf der Ostseite des Bauwerkes führt ein Zugang (ohne Eingangstür) zum überdachten Aussichtsbereich in 5 m Höhe, welcher über eine Treppe mit insgesamt 24 Stufen zu erreichen ist. Die Seitenlänge des Aussichtsbereiches beträgt 5 m x 5 m.

Über eine eiserne Wendeltreppe erreicht man vom überdachten Aussichtsbereich die obere Aussichtsplattform mit einer Seitenlänge von 3 m x 3 m.


Turmgeschichte

Der aus Granitsteinen erbaute Aussichtsturm ohne Befeuerungseinrichtung wurde im Frühjahr 1921 anlässlich des Bundesturnfestes auf einem Hügel des Cerro Caracol, einer 80 m hohen Erhebung nahe der Stadt, eingeweiht.

Im März 1926 wurde das Bauwerk als Aussichtsturm genutzt. Es fehlte immer noch die Anbringung der Gedenktafeln für die Chile-Kämpfer. Das Bauwerk war zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach durch Vandalismus beschädigt worden. Auch erste Witterungsschäden waren aufgetreten. Die erforderlichen Sanierungen konnten durch zuvor gesammelte Gelder ausgeführt werden.

Ende März 1926 startete die Bundesleitung anlässlich des Bismarcktages (01.04.1926) zum ersten Mal einen Aufruf an alle Deutschen in Chile, um Gelder für den weiteren Ausbau des Bismarckturmes zu sammeln. Angesprochen wurden zudem die Konsulate, Vertreter der Ortsgruppen des Deutsch-Chilenischen Bundes, Gesangs-, Krieger und andere gesellige Vereine. Die erzielten Spendensummen wurden in der „Deutschen Zeitung“ veröffentlicht. Bereits Ende Juni 1926 lagen Spendengelder in Höhe von 2.303 Pesos vor. Ende Juli 1926 waren es bereits 3.241 Pesos (darunter Spenden von Schulkindern aus Salte-Pua), Ende Februar 1927 waren 4.343 Pesos zusammengekommen.

Mit den erzielten Spendengeldern sollte eine Gedenktafel mit den Namen der Chile-Kämpfer hergestellt werden. Die Namen der Chile-Kämpfer wurden am 17.03.1927 in der „Deutschen Zeitung“ veröffentlicht. Die Leser wurden aufgefordert, die Liste zu vervollständigen bzw. Fehler zu korrigieren. Die Spendensumme betrug Ende März 1927 insgesamt 4.463 Pesos.

Nach 1927 (genaues Datum unbekannt) wurde in der ebenerdigen Ehrenhalle eine Marmor-Gedenktafel mit 300-400 Namen von Deutsch-Chilenen, die am Krieg teilgenommen hatten, aufgestellt.

Am 24.02.1939 wurde die Stadt Concepcion durch ein heftiges Erdbeben erschüttert. Der Aufbau des Bismarckturmes wurde dabei zerstört, der untere Teil mit der Ehrenhalle blieb unbeschädigt.

Die Aufräumarbeiten am Turm wurden ab dem 23.04.1939 durchgeführt. Eine Wiederherstellung des Turm-Aufbaus war geplant. Architekt Rudolf Socha aus Concepcion legte eine Zeichnung und einen Kostenvoranschlag von 21.000 Pesos vor. Der Aufbau sollte in verstärkter Weise erfolgen, um Schäden bei einem erneuten Erdbeben zu minimieren.

Für den Wiederaufbau wurden Spendengelder gesammelt, bis August 1942 waren 10.500 Pesos zusammengetragen worden, davon 8.500 Pesos (entsprach 1.000 Reichsmark) aus freiwilligen Stiftungen des Deutschen Reiches und Spenden des Deutsch-Chilenischen Bundes sowie Gelder von A. Junge und C. Roeschmann. Für die Fertigstellung wurden weitere 10.000 Pesos benötigt. C. Roeschmann, seit 1920/21 Vorsitzender des Bundes Deutscher Turnvereine in Chile (später: Verband Deutscher Turnvereine) wandte sich am 28.08.1942 an den Bundesführer und Hauptausschuss des Deutsch-Chilenisches Bundes und bat um Gelder aus der Kultur-Spende für den Bismarckturm als „Wahrzeichen des Deutschtums“.

Eine Wiederherstellung des Aufbaus muss erfolgt sein, da beim nächsten schweren Erdbeben (Wert 7,9 auf Momenten Magnituden-Skala) am 21.05.1960 erneut der Aufbau des Bismarckturmes (im Volksmund „Mirador Alemán“ genannt) schwer beschädigt wurde. Der zerstörte Aufbau musste abgetragen werden.

Zwecks Behebung der Schäden am Bismarckturm wandte sich der Deutsche Sportverein als Vertreter des deutsch-Chilenisches Turnverbandes und Treuhänder des Bismarckturmes an das Hilfskomitee für Erdbebenschäden. C. Roeschmann bat im Oktober 1960 Herrn v. Plate, Mitglied des Gesamtausschusses der Verteilung der deutschen Gelder, sich für die Wiederherstellung des Bauwerks einzusetzen, da der Deutschen Gemeinschaft Concepcion dies finanziell aufgrund der Vielzahl der Schäden in Concepcion nicht zugemutet werden konnte.

Anfang der 1960er Jahre wurde die eiserne Eingangstür zur Ehrenhalle mehrfach beschädigt oder herausgerissen und der Innenraum verschmutzt. Die Beschädigungen konnten auch durch Verschweißen der Eisentür nicht verhindert werden.

Die Gedenktafel im Innern des Turmes sollte Anfang 1964 herausgenommen werden, da eine würdige Gedenkstätte nicht mehr gewährleistet war. Es war geplant, die Gedenktafel in einem extra dafür hergerichteten Ehrenhain auf dem Vereinsgelände in San Pedro aufzustellen. Der Deutsche Sportverein in Concepcion entschloss sich jedoch, die Tafel im Turm zu belassen, die Tür zu vermauern und mit Granitsteinen zu verkleiden.

Im Mai 1964 wurde nochmals überlegt, den Aufbau des Turmes wiederherzustellen und mit Eisenverstrebungen erdbebensicher zu machen.

Eine Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Bismarckturmes kam nicht zustande. Der Boden des Aussichtsgeschosses wurde mit Beton verstärkt und in eine Aussichtsplattform umfunktioniert. Eine Sanierung des Bauwerkes wurde erneut im Jahr 2008 geplant.

Ein Besteigen der Aussichtsplattform war im Mai 2010 möglich.

Der Bismarckturm wurde nach dem starken Erdbeben am 27.02.2010, insbesondere an der Nordseite, stark beschädigt.

Das Bismarck-Medaillon war im Oktober 2016 in verwittertem Zustand vorhanden. Der Eingang zur Ehrenhalle war vermauert, der Zugang auf der Rückseite zur Aussichtsplattform war durch eine Gittertür versperrt.


Links

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Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 89/90
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von CONCEPCION (Chile)
- Kircheiß, Carl: Polarkreis Süd - Polarkreis Nord, Verlag von K.F. Koehler, Leipzig 1933, S. 129/130


Bildmaterial

- historische Ansichten: Archiv Seele, Mannheim und Archiv Jörg Bielefeld, Remscheid
- Honorarkonsul Herbert Siller, Concepcion/Chile (Fotos Dezember 1998 / Januar 1999)
- José Gonzáles Spaudo, Concepcion/Chile (Fotos  2008)
- Pablo Belloy, Concepcion/Chile (Fotos Mai 2010)
- Natalia Messer & Pedro Parraguez, Chile (Fotos Oktober 2016)


Foto Bismarckturm Concepcion 1998 oder 1999, Fotograf: Herbert Siller)