Update: 07.04.2013

Bismarckturm im Grenzgebiet
Der Bismarckturm in Vacha

Bauplanung

Nach dem Tode Otto von Bismarcks regten Pfarrer Friederici aus Pferdsdorf (Rhön) und Oberförster Schmidt noch im Jahre 1898 an, auf der Spitze des Oechsenberges eine Bismarck-Feuersäule zu errichten. Trotz Zustimmung scheitert dieser Plan an den Kosten.

Als die Besteigung des 1874 auf dem Oechsenberg errichteten hölzernen Aussichtspavillons von der Großherzoglichen Forstverwaltung (632 m über NN) wegen Baufälligkeit verboten wurde, regte der Rhönklub, Zweigverein Vacha, den Bau eines massiven Bismarckturmes an.

Am 14.09.1901 wurde ein Bauausschuss unter Vorsitz des Apothekers Meyering aus Vacha gebildet und eine Ausschreibung zur Erlangung von geeigneten Entwürfen beschlossen.

Von drei eingereichten Entwürfen des durchgeführten Architektenwettbewerbs entschied sich der Ausschuss für das Modell des Architekten und Maurermeisters Walter Heerwagen aus Eisenach. Weitere Entwürfe waren von Maurermeister Hugo Gross aus Vacha und Maurermeister Schlotzhauer aus Dorndorf eingereicht worden.

Als Bauplatz wählte man die nördlichste Basaltkuppe des Rhöngebirges, 630 m über NN, aus. Am 09.01.1902 genehmigte die Forstinspektion vertraglich den Bau des Turmes auf dem Gelände des Forstreviers Völkershausen unter der Bedingung, dass der Rhönklub alle Kosten für die Ausführung des Neubaus inkl. Unterhaltung des Turmes sowie für den Abriss des alten Pavillons übernehmen sollte. Zudem sollten Grund und Boden im Eigentum des Großherzoglichen Kammerfiskus verbleiben und dem Forstpersonal sollte ungehinderter Zutritt zu allen Räumlichkeiten gestattet werden. Der Rhönklub stimmte diesen Bedingungen vertraglich zu.

Am 12.04.1902 wurde Architekt und Maurermeister Walter Heerwagen auch die Bauausführung übertragen. Die Baukosten wurden auf 5.900 Mark geschätzt, an Spenden, Zuschüssen und der Hauptkasse des Vereins waren bereits 1.200 Mark für den Turmbau vorhanden. Es wurde beschlossen, insgesamt 200 unverzinsliche Anteilsscheine zu je 20 Mark (entsprach 4.000 Mark) auszugeben. Zwanzig Jahre lang sollten jährlich 10 Anteilsscheine ausgelost werden, die zurückgezahlt werden sollten.


Bauarbeiten

Am 18.04.1902 wurde mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen. Die Grundsteinlegung konnte am 20.05.1902 ab 15:30 Uhr im Rahmen einer Feier aller Mitglieder und Freunde des Rhönklub-Zweigvereins Vacha begangen werden.

Als Bauleiter war Architekt und Maurermeister Walter Heerwagen aus Eisenach tätig.

Als Außenmaterial für den Aussichtsturm mit abnehmbarer Feuerschale wurden Basaltsteine verwendet, die in der Nähe des Bauplatzes (Südwestseite des Berges)  gebrochen wurden. Für den Transport von Zement und Kalk stellte Kommerzienrat Dobenecker seine von Vacha zu den Basaltsteinbrüchen führende Drahtseilbahn kostenlos zur Verfügung. Vom Endpunkt der Bahn bis zur 2 km entfernten Baustelle übernahmen Esel den Transport der Säcke. Das Wasser für den Bau musste einer 1.500 m entfernt gelegenen Quelle entnommen werden.

Als Hintermauerung verwendete man gestampften Zementbeton. Die Etagendecken wurden mit Eichenholz verkleidet, die oberste Decke mit Stampfbeton.


Turmbeschreibung

Der 12 m hohe Aussichtsturm mit Befeuerungsmöglichkeit hatte einen quadratischen Grundriss mit einer Seitenlänge von 4,00 m.

Der Eingang war erkerartig vorgebaut und bildete somit einen Balkon auf der 1. Etage des Bauwerkes.

Der schmale Mittelteil des Turmes war leicht zurückgesetzt, die vier Ecken traten optisch hervor und wirkten wie vier schmale Türme, die miteinander verbunden waren. Der Bereich der Plattform kragte nach allen Seiten leicht aus.

Auf der Vorderseite des Turmes, zwischen den Fenstern der ersten und zweiten Etage, wurden ein Bismarck-Wappen und Bismarck-Medaillon, beide aus Bronze, angebracht. Dieser Schmuck wurde von Rittergutsbesitzer Rolle aus Frauensee gestiftet.

Eine Treppe im Innern führte zur Aussichtsplattform mit einer nur sehr kleinen steinernen Brüstung. Die Räume in den drei Geschossen wurden als Gaststättenräume eingerichtet.

Die abnehmbare, runde Feuerschale auf dem Turmkopf (Durchmesser 2 m, Material Eisenblech, Kosten 30 Mark) wurde mit Scheitholz und Petroleum befeuert.


Turmgeschichte

Nur wenige Monate nach Grundsteinlegung konnte die Einweihung am 02.09.1902 bei großer Beteiligung der Bevölkerung erfolgen. Die Festrede hielt Dr. Löber aus Vacha. Das Feuer auf dem Turm wurde erstmals entzündet und konnte von der Wartburg in Eisenach gesehen werden.

Am 27.11.1902 legte Architekt Heerwagen in der Hauptversammlung des Rhönklubs eine Rechnung über den Gesamtbetrag von 7.736 Mark vor, über 1.800 Mark mehr als zuvor veranschlagt. Der Kassierer berichtete, dass der Verein im laufenden Jahr Einnahmen von 6.657 Mark und Ausgaben von 6.661 Mark hatte. Architekt Heerwagen wurden nur noch eine Restsumme von 500 Mark bewilligt, die ausgezahlt werden sollten, sobald der Betrag zur Verfügung stand.

Der alte Holzpavillon wurde erst einige Zeit nach der Einweihung des Bismarckturmes abgerissen.

Bereits im Jahr 1904 entstanden aufgrund der Witterungsbedingungen, insbesondere durch Regen und Wind, Schäden am Turm, die für 120 Mark ausgebessert werden mussten. Die Süd- und Westseite des Bauwerks wurde mit Tetralin gestrichen und Doppelfenster im Wert von 104 Mark angebracht.

In der Vereinsversammlung am 08.05.1907 wurde beschlossen, eine unterkellerte Schutzhütte aus Holz am Turm zu errichten und den kastenförmigen Aufbau auf dem Turmkopf abzutragen, da dessen Last zwei Eisenträger zu stark belastete. In der Betondecke waren zuvor Risse festgestellt worden, durch die Regenwasser durchsickerte. Der Neubau der Schutzhütte an der Stelle des ehemaligen Pavillons sowie die Ausbesserungsarbeiten am Bismarckturm in Höhe von 1.300 Mark wurden von Baumeister Adam Klümpel aus Vacha durchgeführt und waren im Sommer 1907 abgeschlossen.

Während des 1. Weltkrieges und auch in den Folgejahren wurden der Turm und das Schutzhaus verwüstet.

Im Jahr 1920 war die Rückzahlung der Anteilsscheine beendet. Einige der Anteilsscheinbesitzer hatten auf eine Rückzahlung ganz oder zum Teil verzichtet.

In einer Versammlung des Jahres 1924 wurde beschlossen, die Oechsenberg-Anlagen und das Schutzhaus nach einem Konzept des Arztes Dr. Siegfried Löber wieder herzustellen. Das Schutzhaus sollte zudem einen Anbau als Wohnraum für den Bergwirt erhalten. Noch im gleichen Jahr wurde bei Sanierungsarbeiten, durchgeführt von Adam Klümpel, die Feuerschale auf der Aussichtsplattform des Turmes beseitigt und ein auskragendes Pyramidendach aufgesetzt. Dadurch erhöhte sich der Turm auf ca. 16-17 m. Im Bereich der alten Brüstung wurden auf allen Seiten fünf nebeneinanderliegende Fenster eingesetzt, die Ecken der ehemaligen Plattform wurden durch tragende Pfeiler verstärkt.  

Die Kosten von 4.835 Mark für den Turm und 3.000 Mark für die Schutzhütte wurde in den Folgejahren durch Zuschüsse des Hauptvereins, seiner Zweigvereine sowie der Stadt Vacha bezahlt.

Die hölzerne Schutzhütte mit Gastwirtschaft brannte am 27.08.1930 ab. Daraufhin beschloss der Rhönklub, ein massives Gasthaus zu erbauen. Dieses wurde am 18. Juli 1931 eingeweiht.

1937 wurde der Verein Besitzer von Grund und Boden, auf dem sich Haus und Turm befanden (2.373 m²).

Seit dem 30.06.1938 verfügte der Wirt über fließend Wasser, Telefon und elektrisches Licht.

In der Zeit von 1939 bis 1945 wurde der Rhönklub in Rhönbund umbenannt, der Verein wurde als unpolitischer Tourismusverein nicht verboten.

Die sowjetische Militärverwaltung verbot am 17.12.1945 die Vereinstätigkeit des Rhönklubs (Rhönbundes). Um die Anlagen auf dem Oechsenberg vor einer Enteignung zu schützen, erwarben im Jahr 1948 zwei ehemalige Vorsitzende des Rhönklubs die Immobilien und das Grundstück. Dabei wurde vertraglich ein Rückkauf durch die Stadt Vacha vereinbart, sobald der Zweigverein wieder aktiv sein durfte.

Aufgrund der Grenznähe und des kontinuierlichen Basalt-Abbaus wurde der Oechsenberg in den 1950er Jahren unattraktiver für Besucher. Der letzte Wirt verließ 1963 den Oechsenberg. Die Gebäude und Außenanlagen verfielen.

Der Bismarckturm erfüllte nur noch den Zweck als geometrischer Basismesspunkt.

Im Sommer 1978 wurde das Gasthaus zerstört. Offiziell wurde der Turm wegen Erweiterung des Basaltabbaus am 11.11.1978 durch die VEB Rhönbasalt Vacha gesprengt. Inoffiziell ermöglichte der im ehemaligen Grenzgebiet liegende Bismarckturm zu DDR-Zeiten einen Blick in den Westen.

Im Jahr 1986 wurde der Basaltabbau eingestellt, nachdem  die Bergkuppe des Oechsenberges um ca. 15 m abgetragen worden war.

Der Rhönklub wurde nach dem Fall der Mauer im Jahr 1990 neu gegründet.

Im Jahr 1993 erhob der Rhönklub Rückerstattungsansprüche für das verloren gegangene Grundstück auf dem Oechsen, um mit Fördermitteln der Landesregierung eine Unterkunft für Wanderer zu errichten. Zwei Jahr später (1995) erhielt der Zweigverein das Grundstück (jetzt 15 Meter tiefer liegend) zurück.

Über die Aufstellung eines Funkmastens wurde kontrovers diskutiert. Im Jahre 1998 wurde auf dem Gipfel des Oechsenberges (seit 1989 Naturschutzgebiet) eine Schutzhütte nebst Gipfelkreuz errichtet.


Links

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Rhönklub Zweigverein Vacha e.V.


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 392
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von VACHA (Thüringen)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 75 "Bismarck-Feuersäule bei Vacha-Rhöngebirge", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 2. Jahrgang 1904 (Nr. 11/12, S. 5)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903, Nr. 108 "Der Bismarck-Aussichts-Turm auf dem Oechsen bei Vacha“
- Dr. Waldschmidt, Hans-Jürgen / Clute-Simon, Elmar: 120 Jahre Rhönklub Zweigverein Vacha e.V., Broschüre Rhönklub Vacha, 1. Auflage 1997


Ehemaliger Standort auf dem abgetragenen Oechsenberg,
Fotograf: Otto Augsten, Unterbreizbach