Update: 23.01.2016

Die 1. Feuersäule zündete nicht rechtzeitig
Der Bismarckturm in Rudolstadt

Bauplanung

Am 30.12.1898 schlug der Rudolstädter Gymnasialoberlehrer und spätere Professor Dr. Hermann Leinhose bei der Winterfest-Veranstaltung des Vereins "Rudolstädter Abend", einem seit 1884 bestehenden akademischen Verein, vor, eine Bismarck-Feuersäule auf dem Zeigerheimer Berg in Rudolstadt zu errichten. Der Vorschlag wurde angenommen. Noch am gleichen Abend sammelte man 1.000 Mark als Startkapital bei den dreißig anwesenden Mitgliedern, darunter Kunstmaler Adolf Männchen aus Paris, ein.

Die Rudolstädter nahmen damit als erste die Idee der deutschen Studentenschaft auf, in Deutschland Bismarck-Feuersäulen zu errichten. Man wartete auch nicht den noch laufenden Wettbewerb für einen einheitlichen Entwurf für alle Bismarcksäulen ab, sondern wollte mit dem Bau der geplanten Feuersäule bereits am 01.04.1899 fertig sein. Der Verein plante, die Säule als „kleine Ritterburg“ zu errichten.

Der Kunstmaler Adolf Männchen stiftete eines seiner Ölbilder, damit die Hälfte des Verkaufs in den Turmbaufonds fließt.

Bei der nächsten Sitzung des Rudolstädter Abends am 25.01.1899 wurde ein Denkmalausschuss unter Vorsitz des Rechtsanwalts Waldemar Klinghammer gegründet.

Der Schwarzaer Gutsbesitzer Oskar Mackeldey stellte das Baugrundstück auf dem Zeigerheimer Berg sowie die Steine seines dortigen Kalk-Steinbruchs kostenlos zur Verfügung.

Der Denkmal-Ausschuss bestimmte den Entwurf des Architekten Gottwalt Schinzel aus Schaala zur Ausführung. Finanziert wurde der 3000 Mark teure Bau komplett aus Spenden der neunzig Mitglieder des "Rudolstädter Abends". Der Rohbau kostete 2.000 Mark, die Inneneinrichtung des Turmes 1.000 Mark.


Bauarbeiten

Als ausführender Maurermeister war Oscar Worm aus Rudolstadt tätig. Die Bauleitung übernahm (unentgeltlich) Architekt Gottwald Schinzel aus Schaala.

Weitere Arbeiten wurden von Steinmetzmeister Otto, Tischlermeister Lösche, Schlossermeister Beer und Hofdekorationsmeister Dressler, alle aus Rudolstadt, durchgeführt.

Als Baumaterial wurde an Ort und Stelle gebrochener Kalkstein verwendet.

Am 28.01.1899 wurde das Baugrundstück abgesteckt, zwischen dem 30.01. und dem 10.02.1899 wurden die für den Bau benötigten Steine gebrochen. Am 10.02.1899 starteten die Erdarbeiten am Turm. Am 13.02.1899 wurde mit den Maurerarbeiten begonnen, am gleichen Tag um 17:00 Uhr wurde die Grundsteinlegung durchgeführt. Rechtsanwalt Klinghammer führte mit Assistenz der Maurer die drei notwendigen Hammerschläge für den nach Südwesten liegenden Grundstein des Turms aus.

Anfang März 1899 waren Turm und Anbau auf eine Höhe von über 3 m angewachsen. Am 18.03.1899 wurde „zum ewigen Gedächtnis“ in die mittlere Zinne des Anbaus nach Westen eine Blechkapsel eingemauert. Diese Kapsel enthielt Satzungen, den letzten Jahresbericht des Rudolstädter Abends und das Mitgliederverzeichnis.

Vollendet war der Rohbau (Turm und Anbau) am 24. März 1899.


Turmbeschreibung (zur Zeit der Einweihung)

Der 9,50 m hohe und 3,50 m breite Aussichtsturm mit Feuerkessel hat einen runden Grundriss, an den sich in nordöstlicher Richtung ein 4,00 m langer, 3,50 m breiter und vier Meter hoher zinnenbekrönter Anbau anschließt.

Das Bauwerk ist im Stil einer „kleinen Ritterburg“ errichtet. Das flache zinnenbekrönte Dach des Anbaus diente als zusätzliche Aussichtsebene und war für 12 Personen ausgelegt. Die Aussichtsebene in 4 m Höhe konnte durch eine gotische Bogentür vom Turm aus betreten werden.

Über eine Leiter war der Oberstock des Rundturmes von der Südostseite aus erreichbar. Mittels dieser transportablen Leiter gelangte man durch den auskragenden Erker unterhalb der zinnenbekrönten Turmplattform zu einer Holztreppe unterhalb der Plattform. Unterhalb des Erkers war eine Tafel mit einer vierzeiligen Inschrift angebracht:

Erste Zeile (nicht bekannt) /
Zweite Zeile (nicht bekannt) /
„RUDOLSTÄDTER ABEND“/
eingeweiht am 1. April 1899

Im Oberstock des Rundturmes wurden die Holzvorräte gelagert.

Das Bauwerk konnte nur durch die gotische Eingangstür des Anbaus betreten werden. Die Decke des Anbaus war mit einem Kreuzgewölbe versehen. An der Tür des Anbaus war außen das Logo des Vereins Rudolstädter Abend (RA) zu sehen. Anbau und Rundturm waren innen durch eine Bogentür miteinander verbunden. Der Aufenthaltsraum war im altgotischen Stil eingerichtet und mit Bismarck-Devotionalien versehen. Der Raum war heizbar und bot 20-25 Personen Sitzgelegenheiten. An jeder Seite des Anbaus waren drei Fenster eingelassen, die durch Eisen geschützt waren. Die Fenster waren mit Holzläden versehen.

Auf der Nordostseite des Turmes wurde am Turmschaft eine 1,00 m x 0,75 m  große Sandsteinplatte mit Wappenschild mit dem Motiv Bismarck-Wappen und den Anfangsbuchstaben des Bismarck-Wahlspruchs I/T/R [in trinitate robur], gefertigt von Steinmetzmeister Otto aus Rudolstadt, angebracht.

Das obere Stockwerk des Turmes, in dem die Holzvorräte lagerten, war nur von außen über eine mobile Leiter erreichbar. Von dort aus gelangte man über eine Holztreppe auf die Plattform des Turmes, auf dem der Feuerkessel aus Stampfbeton installiert war [ursprünglich sollte lediglich ein eiserner Kessel mit einem Durchmesser von 1 m als Befeuerungsmöglichkeit dienen]. Der Turm wurde mit Pech, Öl, Petroleum, Holz und Putzwolle befeuert.


Turmgeschichte

Die feierliche Einweihung mit 200 Festteilnehmern fand am 01.04.1899 statt. Ein Feuer konnte zur Einweihung nicht entzündet werden, da der Beton noch nicht ausgehärtet war. Der fest eingemauerte Feuerkessel wurde später mit petroleumgetränktem Holz befeuert. Als Ersatzbefeuerung wurde vor dem Bauwerk ein „mächtiger Holzstoß“ errichtet und bei Anbruch der Dunkelheit in Brand gesetzt. Nach der Weihefeier wurde der Turm bengalisch beleuchtet und ein Feuerwerk abgebrannt.

Der Ausschuss der deutschen Studentenschaft verschickte Glückwünsche zu Deutschlands 1. Bismarck-Feuersäule.

Am 30.07.1899 wurde, anlässlich Bismarcks 1. Todestag, wiederum ein Feuer vor und nicht auf dem Turm entzündet.

Der innere Ausbau des Turmes erfolgte bis Dezember 1899. Der am 10.12.1899 eingeweihte Anbau wurde ein Versammlungsraum für die Vereinsmitglieder im altgotischen Stil nach Plänen des Hauptmannes Rudolf Oppenheim und des Rechtsanwaltes Waldemar Klinghammer geschaffen. An den Seitenwänden des Raumes wurden Freskomalereien des Kunstmalers Adolf Männchen angebracht. Die Arbeiten im Innenraum konnten am 31.12.1899 abgeschlossen werden.

Vereinsmitglieder und Gäste feierten am 31.12.1899 die Jahrhundertwende am und im Turm.

Interessenten konnten, jeweils sonntags zwischen 16:00 und 18:00 Uhr, die Inneneinrichtung besichtigen. Als Turmwart wurde Rechtsanwalt Klinghammer, später: Carl Witschel) eingesetzt.

Am 01.04.1900 wurde im massiven Stampfbeton-Feuerkessel auf dem Turm erstmals das Feuer entzündet. In den nächsten Jahren wurde jeweils zum 01.04. das Feuer im Kessel entzündet. Weitere nachgewiesene Befeuerungen fanden am 30.07.1900 sowie am 02.09.1901 und 02.09.1904 (Sedantag) statt.

Eine im Jahr 1903 herausgegebene künstlerische farbige Ansichtskarte des Turmes wurde zum Besten des Turmbaufonds verwendet.

Bis 1914 wurde der Turm von den Mitgliedern des Rudolstädter Abends mehrmals im Jahr aufgesucht.

Durch Vandalismus kam es im 2. Weltkrieg zur Beschädigung der Bausubstanz. Im Jahr 1945 wurde der Turm durch mehrere Einbrüche schwer beschädigt, die Innen-Einrichtung ging dabei verloren.

1950 wurde das Bauwerk durch die damals in Rudolstadt stationierten Einheit der Grenztruppe der DDR (inoffiziell) in Geschwister-Scholl-Turm umbenannt.

Um 1970 war der Feuerkessel des Turmes noch erhalten.

Eine Teil-Sanierung erfolgte 1985 durch den neu gegründeten "Freundeskreis Geschwister-Scholl-Turm". Doch bereits im August 1990 war das Bauwerk stark sanierungsbedürftig, die unteren Fenster waren mit Kalksteinen vermauert. Der Zinnenkranz des Turmes war schadhaft, die Zinnen waren – wie auch beim Anbau – teilweise zerstört. Der Feuerkessel war nicht mehr vorhanden, am Turm und am Anbau waren Eingangstüren aus Metall eingelassen. Das Wappenschild war nicht mehr vorhanden.

Im Jahr 1999 war die Eingangstür aufgebrochen. Nach 1999 wurde zur Verhinderung weiterer Vandalismusschäden eine neue Stahltür angebracht.

Im März 2015 wurde der ganzjährig verschlossene Turm im stark beschädigten Zustand vorgefunden. Teile des Mauerwerkes waren herausgebrochen, die Zinnen fehlten vollständig.


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Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 339
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von RUDOLSTADT (Thüringen)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 13  "Bismarck-Feuersäule bei Rudolstadt in Thür.", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 5. Jahrgang 1907 (Beilage: Die Bismarck-Feuersäule)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903, Nr. 86 "Die Bismarck-Feuersäule auf dem Zeigerheimer Berge b. Rudolstadt"
- Centralblatt der Bauverwaltung 1899, Nr. 19, S. 163 und Nr. 27, S. 163
- Deubler, Heinz: „Bismarckfeuersäulen und Bismarcktürme bei Rudolstadt“ in Rudolstädter Heimathefte, 36. Jahrgang, Heft 11/12, S. 247-250
- Bähring, Gisela: „Die Bismarcktürme in Rudolstadt und Keilhau“ aus: Rudolstadt & die Jubiläen 1999“.- Nr. 1 der Informationshefte Rudolstadt, Mai 1999. Herausgeber: Stadtverwaltung Rudolstadt, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,
S. 7-8


Bildmaterial

- Jörg Bielefeld, Remscheid (Fotos 1999, 2003 und 2010); historische Ansichten: Archiv J. Bielefeld
- Christian Gerloff, Jena (Foto August 2011)
- Hans-Dieter Hirschmann, Haßloch (Foto Dezember 2011)
- Ralph Männchen, Dresden (Foto März 2015)


Foto Bismarckturm Rudolstadt 1999