Update: 25.06.2017

Säule mit verspäteter Grundsteinlegung
Die Bismarcksäule in Erfurt

Im Jahr 1901 wurde im östliche  Teil des Steigers (Steigerwald, 329 m über NN) „Am Tannenwäldchen“ in Erfurt eine von insgesamt 47 Bismarcksäulen nach dem Entwurf "Götterdämmerung" des Architekten Wilhelm Kreis errichtet.


Bauplanung

Studenten aus Halle wandten sich Anfang 1899 an die Erfurter "Bismarck-Gemeinde", einen Kreis von Bismarck-Verehrern in Erfurt, die sich regelmäßig in der Gaststätte „Thüringer Hof“ trafen und schlugen den Bau einer Bismarcksäule vor.
Die Anregung wurde aufgegriffen. Die "Bismarck-Gemeinde" lud 48 Erfurter Persönlichkeiten in den "Thüringer Hof" ein, um diese Anregung zu beraten. Unter Vorsitz von Justizrat Huschke fasste man am 16.01.1899 den Entschluss, eine Bismarcksäule in Erfurt zu errichten.

Nach einem öffentlichen Spendenaufruf konnten innerhalb kurzer Zeit 10.000 Mark an Spenden für die Säule gesammelt werden.

Über den Bauplatz war sich der am 23.03.1900 (Eintragung ins Vereins-Register am 09.04.1900) gegründete Bismarcksäulen-Verein (e.V.) unter Vorsitz von Landgerichtsrat Gutjahr nicht einig. Zur Wahl standen die Cyriaks-Höhe sowie die so genannte Bismarck-Höhe am Steigerrand. Bei einer Abstimmung wurde mit 14:9 Stimmen für die Höhe am Steigerrand gestimmt.

Nun folgte ein öffentlicher Spendenaufruf an die „Männer von Erfurt, von Stadt und Land“, welcher von Oberbürgermeister Dr. Schmidt und vielen anderen Erfurter Persönlichkeiten unterschrieben war.

Im Sommer 1900 beauftragte man Architekt Wilhelm Kreis mit der Anfertigung von Zeichnungen seines Entwurfes „Götterdämmerung“ für Erfurt, nachdem bereits 13.500 Mark an Spendenmitteln gesammelt waren.

Bei einer Ortsbesichtigung des Architekten Wilhelm Kreis am geplanten Bauplatz (Baugelände auf dem „Elefantenrücken“) stufte dieser den Baugrund als zu unsicher ein. Dadurch kam es im Anschluss daran zu schwierigen Verhandlungen der Grunderwerbs-Kommission des Bismarckturm-Vereins mit dem Eigentümer des Baugeländes. Letztendlich gelang im November 1900 ein Parzellentausch, sodass für 1.350 Mark zwei Morgen Land im „Birkenwäldchen“ (heute: „Am Tannenwäldchen“) auf der Löberflur erworben werden konnte.

Durch den Parzellentausch verzögerte sich einerseits der Beginn der Bauarbeiten um ein Jahr, andererseits sank auch die Spendenbereitschaft der Bürger.

Im Januar 1901 waren alle Vorarbeiten des Architekten Kreis bereits geliefert.

Mit dem Baumeister Carl Haddenbrock wurde nach Prüfung von Kostenvoranschlägen mehrerer Maurermeister Anfang März 1901 ein Vertrag zur Errichtung eines Bismarck-Turmes geschlossen.

Gleichzeitig griff man auf einen vom Architekten Kreis reduzierten Entwurf zurück, der 4.000 Mark an Kosten einsparen sollte.

Finanziert wurde das 35.450 Mark teure Bauwerk (davon 29.565 für den Maurermeister und 600 Mark für den Architekten Kreis) neben 621 Kleinspenden (bis 5 Mark) durch die Bismarckgemeinde (10.000 Mark), den zukünftigen Betreiber des Restaurants Bismarckhöhe (5.000 Mark), eine Erfurter Brauerei (1.000 Mark) sowie Bankiers und Unternehmer.


Grundsteinlegung und Bauarbeiten

Als Material für den 22 m hohen Aussichtsturm mit Feuerschale wurde Gutendorfer Kalkbruchstein aus dem Waltherschen Bruch (nach anderen Quellen Oberkolkaer Schlammkalk bzw. Oberdorlaer Schaumkalk) verwendet.

Schlossermeister Köhler aus Erfurt schmiedete einen Reichsadler mit Bismarck-Wappen als Herzschild, der auf der Eingangsseite angebracht war. Der schmiedeeiserne Adler war dem Bismarcksäulen-Verein geschenkt worden. Zuvor war ein Bismarck-Wappen, dann ein Reichsadler mit Wappen (bei in Stein ausgeführt) geplant gewesen. Die Tür, ebenfalls schmiedeeisern und mit einem Medaillon mit aufgesetztem Bismarckwappen versehen, wurde von Kunstschlosser Karl Kuntze angefertigt.

Der Grundstein wurde nach bereits erfolgtem Baubeginn im April 1901 am 27.04.1901 gelegt. Statt eines Grundsteins wählte man eine Kapsel, die in eine zuvor gemeißelte Höhlung in einem bereits vorhandenen Mauerstein eingelassen wurde. In der Kapsel wurde neben einer Denkschrift auf Pergament (mit den Unterschriften des Vorsitzenden der Bismarck-Gemeinde und des Vorstands des Bismarcksäulen-Vereins) je ein Exemplar der Thüringer und der Berliner Zeitung eingelassen.

Die Kapsel musste wegen Protesten nachträglich noch einmal geöffnet werden, weil bei den beigefügten Zeitungen auch das Berliner Tageblatt enthalten war, welches den Fürsten Bismarck seinerzeit „stark beschimpft“ habe.

Der Rohbau des Turmes war am 05.08.1901 beendet, am 22.08.1901 (nach anderer Quelle am 31.08.1901) übergab Maurermeister Haddenbrock das Bauwerk an den Bismarcksäulen-Verein.

Die Einweihungsfeier fand am 01.09.1901 statt. Tausende Bürger nahmen an der Feier teil. Am Einweihungstag wurde erstmals das Feuer auf dem Turm entzündet.


Turmbeschreibung

Als Basis des Turmes dient ein einstufiges quadratisches Podest.

Darauf erhebt sich der 3,1 m hohe quadratische Turmsockel mit einer Kantenlänge von 6,5 m x 6,5 m.

Auf der Eingangsseite ist als einziger Schmuck ein Reichsadlerrelief angebracht, welches von Schlossermeister Köhler in Erfurt gefertigt wurde. Auf der Rückseite unter dem Fensterschlitz wurde die Jahreszahl „1901“ angebracht.

Längliche Fensterschlitze sind im unteren Säulenbereich (Nord- und Südseite), quadratische Fensterschlitze oben (Ostseite) vorhanden.

Die vier Kanten des Schaftes bestehen - wie bei dem Entwurf "Götterdämmerung" typisch - aus Dreiviertelsäulen, die von einem Architrav mit dreistufigem Oberbau zusammengehalten werden, welcher auf vier Metallstützpfeilern das runde Feuerbecken trägt.

Das Feuerbecken (mit Innenloch) wurde von der Eisengießerei Hans Bohn aus Ilversgehofen hergestellt. Laut dem Entwurf von Wilhelm Kreis hat es einen Durchmesser von 2,6 m (nach anderen Quellen: 3,5 m bzw. 2 m).

Befeuert wurde das Becken ursprünglich mit Holz, Putzwolle, Teer und Petroleum, bevor man wegen nicht zufriedenstellender Befeuerung (ab 1905) zur Beleuchtung mit rotem Bengalfeuer wechselte.

Über zehn Steinstufen auf der Westseite des Turmes ist der Eingangsbereich  erreichbar. Nach Betreten des Turmes gelangt man hinten links in einen Lagerraum. Über eine linksdrehende Steintreppe mit 92 Stufen in mehreren Absätzen sowie weitere 13 Stufen, die oben zur Mitte der Säule schwenken (Westseite), gelangt man zum mit Schindeln bedeckten Ausgangsbereich.

Die Größe der Plattform beträgt 4,5 m x 4,5 m.


Turmgeschichte

Am 17.12.1901 wurde ein Abkommen zwischen Bismarcksäulenverein und Gastwirt Emil Büchel aus Weimar abgeschlossen, dass diesem südwestlich des Turmes ein Terrain zwecks Baus eines Restaurants käuflich überlassen wurde.

Im Jahr 1902 wurde das Restaurationsgebäude errichtet, welches von Gastwirt Emil Büchel bewirtschaftet wurde. Es wurde vertraglich mit dem Gastwirt (und seinen Rechtsnachfolgern) vereinbart, dass dieser den Turm zu bestimmten Zeiten für ein geringes Entgelt für Besucher öffnen sollte.

Im Februar 1903 wurde dem Verein von einem früheren Zimmermeister zusammen mit einer 100-Mark-Spende vorgeschlagen, einen 6 m hohen schmiedeeisernen Aufsatz für die Befeuerung zu installieren, damit die Befeuerung auch jenseits des Waldes gesehen werden kann. Der Kostenvoranschlag dafür belief sich auf 3.600 Mark, der Verein setzte diesen Vorschlag nicht um.

Am 31.12.1903 wurde die Säule samt Grund rechtlich von der Stadt Erfurt übernommen, nachdem der Bismarcksäulen-Verein am 29.10.1903 einen dementsprechenden Antrag gestellt hatte. Die Stadt verpflichtete sich dazu, den Turm und die Umgebung im bestehenden Zustand zu erhalten und einen jährlichen Beitrag zu den Befeuerungen am 01. April (Bismarcks Geburtstag) und 1. September (Einweihung der Säule und Sedantag) zu leisten.

Am 09.03.1905 löste sich der Bismarcksäulen-Verein nach erfolgreicher Arbeit auf.

Am 24.11.1905 wurde in einer Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung beschlossen, für 5.500 Mark eine fahrbare Verbindung zur Säule zu schaffen. Die Oberförsterei-Verwaltung stimmte diesem Vorschlag zu.

In den Jahren 1905 und 1906 wurde die Säule nur bengalisch beleuchtet. Eine weitere Befeuerung erfolgte am 30.07.1907 (Bismarcks Todestag).

Im Jahr 1907 kostete das Bestiegen der Säule 10 Pfg. für Erwachsene und 5 Pfg. für Kinder unter 14 Jahren.

Eine erste Instandsetzung des Bauwerks wurde im Jahr 1908 durchgeführt.

Im Jahr 1911 ließ der Erfurter Verschönerungsverein Aussichts-Orientierungsmarken  auf der Turmbrüstung anbringen.

1936 übernahm Richard Wetzel (Schwiegersohn des verstorbenen Emil Büchel) die Beaufsichtigung des Bismarckturmes.

Ab 1945 wurde die Säule in Friedensturm umbenannt und das Reichsadler-Relief entfernt. Der Turm verwahrloste und wurde einige Zeit später für Besucher geschlossen.

In einem Stadtführeratlas aus dem Jahr 1978 wurde die Säule auch als Steigerturm bezeichnet, im Volksmund wurde sie immer noch Bismarckturm genannt.

Im Frühjahr 1988 machten Bergsteiger den Turm wieder begehbar.

Nach der Wende erfolgte keine offizielle Rückbenennung des Turmes. Im Jahr 1994 wurde ein Sanierungskonzept erstellt, welches die Sanierung des maroden Turmes mit 550.000 DM bezifferte.

Kurz darauf bildete sich eine Initiative zur Rettung des Bismarckturmes. Im Dezember 1999 wurde der Bismarckturm-Verein 1900 e.V. zwecks Sanierung gegründet (Eintragung am 09.04.2000 im Vereinsregister).

In den Jahren 2000-2004 wurden erste Sanierungsmaßnahmen vorgenommen sowie das Gelände um den Turm rekultiviert.

Am 01.04.2001 wurde eine von Dipl.-Ing. Lothar Walther (Geschäftsführer des gleichnamigen Heizungs- und Sanitärbetriebes) gestiftete Eingangstür eingeweiht. Ein provisorisches Reichsadler-Relief wurde am Turm angebracht.

Vom 31.08.2001 bis zum 02.09.2001 wurde das 100-jährige Turmjubiläum (Steigerfest am Bismarckturm) in großem Rahmen (ca. 10.000 Besucher) gefeiert. Der Bismarckturm-Verein hatte den Turm zuvor begehbar gemacht. Am 01.09.2001 um 22:00 Uhr wurde ein Feuer auf dem Turmkopf entzündet (Gasfeuerung).

Im Jahr 2003 wurde der Turmsockel an drei Seiten saniert. Weiterhin wurde die Turmplattform versiegelt und die Entwässerung des Turmes verbessert. Eine sukzessive Sanierung war in Etappen geplant.

Im Jahr 2008 erfolgte die Turmkopfsicherung. Der gesamte Aufbau wurde für 27.000 EUR gereinigt und neu verfugt, zudem wurde ein Gitter aus Edelstahl angebracht.

Ende 2015 ist die Netzseite des Bismarckturm-Vereins offline. Es ist nicht bekannt, ob der Verein noch existiert.

Im Juni 2017 wurde der Turmkopf aufgrund von Schäden gesperrt. Das Bauwerk ist für Besucher gesperrt. Die Sanierungskosten werden auf 410.000 EURO geschätzt.


Links

Google Maps

Google Earth

Vereinsseite Bismarckturm Verein Erfurt 1900 e.V. (Mai 2017 offline)

Hotel & Restaurant Am Bismarckturm in Erfurt (Inh. Familie Klaus)


Öffnungszeiten

Gekoppelt an Hotel & Restaurant Am Bismarckturm

Turm ist wegen Schäden seit Juni 2017 für Besucher gesperrt.


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 132
- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-SÄULE von ERFURT (Thüringen)
- Bismarckturm-Verein Erfurt 1900 e.V.: „Otto von Bismarck“, Broschüre, Erfurt 2000, ohne Verlag, S. 15- 24
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 50 "Bismarck-Feuersäule zu Erfurt", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes; 2. Jahrgang 1904 (Nr. 2, S. 4); 3. Jahrgang 1905 (Nr. 5, S. 7); 4. Jahrgang 1906 (Nr. 1, S. 14; Nr. 4, S. 62); 5 Jahrgang 1907 (Beilage: „Die Bismarck-Feuersäule“); 7. Jahrgang 1909 (Nr. 9/10, S. 157)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903, "Die Bismarck-Säule (Architekt Kreis) zu Erfurt"


Fotografen

- Hans-Dieter Hirschmann, Haßloch (Juni 2006 und Juni 2008)
- Marek Moson, Breslau (Mai 2009)
- Jörg Bielefeld, Remscheid (September 2001 und Mai 2009)