Update: 20.06.2016

Bismarck- und Hubertusturm
Der Bismarckturm in Coswig/Anhalt

Bauplanung

Landgerichtsrat Dr. Moritz Beyer aus Coswig regte den Bau dieses Bismarckturmes in Coswig bei einem Festessen zum Geburtstag des Kaisers am 27.01.1899 an. Die Anregung wurde angenommen und ein Komitee unter Vorsitz des Sanitätsrates Dr. Emil Toelpe aus Coswig gebildet. In der ersten Versammlung konnten bereits knapp 1.000 Mark als Grundstock für den Turmbau an Spenden gesammelt werden.

Am 28.07.1899 erschien in der Coswiger Zeitung ein Aufruf zum Bau eines Bismarckturmes, in dem bereits die höchste Erhebung des Hubertusberges (142 m über NN) als Turmstandort angegeben worden war. In dem Aufruf warben 123 Ausschussmitglieder, überwiegend Handwerksmeister und Fabrikbesitzer aus Coswig, aber auch Personen aus anderen Gemeinden in Anhalt, um Spenden. Als weitere Agitatoren waren Dr. Moritz Beyer und Alexis Bischof, Eigentümer einer Zündholzfabrik, aktiv.

Das Komitee beauftragte den Leipziger Ratsarchitekten Max Bischof, Bruder des Fabrikbesitzers Alexis Bischof, zwecks Fertigung eines Turm-Entwurfes. Der Architekt arbeitete einen Entwurf aus und stellte diesen kostenlos zur Verfügung.

Für den geplanten Bismarckturm veranschlagte das Komitee ca. 12.000 Mark an Baukosten. Die Finanzmittel für den Bau wurden einerseits durch Spenden in der Bevölkerung gesammelt, andererseits wurde eine Lotterie (Lospreis 1 Mark) durchgeführt. Der Gemeinderat in Coswig spendete 500 Mark.

Die Gesamtkosten für den Turmbau beliefen sich auf 13.500 Mark.


Bauarbeiten

Die Grundsteinlegung fand am 02.09.1901 um 15:00 Uhr unter großer Beteiligung von Militär-, Gesang- und Turnvereinen statt. Die Festansprache vor zahlreichen Besuchern hielt Dr. Beyer.

Die Bauleitung übernahm Ratsarchitekt Max Bischof aus Leipzig selbst. Ausgeführt wurden die Arbeiten von Maurermeister Hermann Franz aus Coswig. Die Steinmetzarbeiten übernahmen die Bildhauer Kulbe und Storch aus Coswig, die im Frühjahr 1902 den Auftrag erhielten.

Als Baumaterial für den Aussichtsturm mit Feuerschale wählte man Sandstein aus Postelwitz (heute: Ortsteil von Bad Schandau) mit Hartziegelstein als Hintermauerung aus.

Die Hartziegel lieferte die Dampfziegelei und Hartsteinfabrik Wilhelm Olschewsky.

Durch Oberförster Friedrich Bähr wurde ein Weg zum Bismarckturm angelegt, der von der Kuhbrücke über die Sieben Springe am Wörpener Bach entlang führte und „Bismarckstieg“ genannt wurde. Der Bismarckstieg wurde am Vorabend der Einweihung durch die Herzogliche Revierverwaltung der Bevölkerung zur Nutzung übergeben.


Turmbeschreibung (zur Zeit der Einweihung)

Als Basis des 15 m hohen Aussichtsturmes mit Befeuerungsmöglichkeit wurde ein Fundament aus Ziegelsteinen errichtet, welches in der Höhe variiert und nur auf der Südseite zu sehen ist (bis 0,26 m Höhe auf der Südostseite). Die Grundfläche der Basis beträgt 7,30 m x 7,30 m.


Unterbau, Sockel und Außentreppe

Als Unterbau dient ein zweistufiges Podest aus behauenen Sandsteinen, die Stufen verlaufen schräg nach unten (Höhendifferenz 0,14 m).

Über eine Treppe mit sechs Steinstufen auf der Eingangsseite (Ostseite) gelangt man durch das zweistufige Podest zum 0,90 m hoch gelegenen Turmeingang im Bereich des Turmsockels. Das Eingangsportal hat eine Größe von 2,52 m x 1,06 m.

Die aufwändig gestaltete Eingangstür aus Eichenholz ist mit Nägeln beschlagen und mit einer Kaiserkrone und Kleeblättern des Bismarck-Wappens geschmückt.

Der eigentliche Sockel (Seitenlänge 4,24 m) besteht aus drei Reihen von Steinquadern und hat eine Höhe von 2,05 m. Zum Turmschaft ist der Sockel optisch durch ein 0,21 m breites Band abgegrenzt (in Höhe der Eingangstür auf einer Länge von 1,52 m nach oben versetzt).


Turmschaft

Der Turmschaft verjüngt sich nach oben und hat unterhalb der auskragenden Plattform eine Seitenlänge von 4,12 m.

Im oberen Drittel des Turmes befinden sich auf der Süd- und der Nordseite kleine Fenster.

Unterhalb der Plattform ist umlaufend die Inschrift (vergoldet)

"DEM REICHSKANZLER 
OTTO VON BISMARCK
IN DANKBARKEIT 
GEWIDMET MCMII"

eingehauen.

Innenbereich und Innentreppen

Die lichte Breite des Innenraums beträgt 3,00 m x 3,00 m (bis zur lichten Höhe von 8,62 m). Mittig des Innenraums ist ein metallenes Stiegentreppenhaus mit einem Durchmesser von 1,40 m installiert. Über 50 Stufen einer metallenen Spindeltreppe gelangt man zur Aussichtsplattform.


Aussichtsplattform

In 11 m Höhe erreicht man die 4,29 m x 4,29 m breite Aussichtsplattform, die mit roten Mettlacher Platten ausgelegt ist.

Auf der Plattform stützen vier 2,67 m hohe korinthische Säulen mit 0,31 m hohem Kapitell (Gesamthöhe je 2,98 m) eine steinerne Decke, welche mittig eine Öffnung von 1,15 m x 1,15 m Größe aufweist. Auf der Decke ruht die gusseiserne Feuerschale mit einem Durchmesser von 2,50 m Durchmesser und einer Höhe von 0,50 m. Das Gewicht der runden Feuerschale mit Innenloch beträgt 1.400 kg, die Anschaffungskosten betrugen 500 Mark.

An den Ecken sowie in der Mitte jeder Seite sind insgesamt acht Pfeiler mit einer Höhe von je 1,15 m angebracht, dazwischen sind Metallgeländer installiert. Die Brüstung hat einen steinernen Unterbau von 0,25 m Höhe, welcher das Metallgeländer trägt.

Am Rande der Brüstung der Aussichtsplattform steht eine ca. 1 m hohe Stele, die ein Bismarck-Medaillon getragen hat [diese Angabe ist nicht gesichert].


Turmgeschichte

Am 31.08.1902 konnte das Bauwerk feierlich eingeweiht werden. An der Einweihung nahmen etwa 3.000 Personen aus Coswig und Umgebung teil. Für die 100 Ehrengäste, u.a. für Dr. Ebeling (Oberbürgermeister aus Dessau) und Kreisdirektor Mühlenbein aus Zerbst, war eine Tribüne errichtet worden.

Nach der Festansprache durch Dr. Beyer erfolgte die Schlüsselübergabe des Architekten an den Vorsitzenden des Denkmalkomitees.

Nach Auflösung des Denkmal-Komitees wurde am 27.01.1903 ein Bismarck-Verein unter Vorsitz des Zündholzfabrikanten Bischof gegründet. Der Verein hatte die Aufgabe, den Turm und die gärtnerischen Anlagen zu pflegen.

Am 02.09.1903 wurde ein Ehrenfeuer auf dem Bismarckturm entzündet. Weitere Turm-Befeuerungen sollen jeweils bei den Hubertusfesten durchgeführt worden sein (Angabe nicht gesichert).

Am 31.03.1911, dem Vorabend von Bismarcks Geburtstag, wurde auf dem Turm ein Feuer entzündet und eine Gedächtnisfeier abgehalten.

Der Bismarck-Verein, der im Jahr 1910 knapp 200 Mitglieder hatte, kümmerte sich ca. bis in die 1930er Jahre um den Turm.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges wurde auf dem Turmkopf am Vorabend von Bismarcks Geburtstag (31.03.) ein Gedenkfeuer entzündet. Die Tradition wurde 1925 wieder aufgenommen.

Neben den Gedenkfeiern wurden in den 1920er Jahren auch Sonnenwendfeiern, Sängerfeste und ab 1927 Missionsfeste der evangelischen Kirche abgehalten. Vorsitzende des Vereins waren in den 1920er Jahren Oberförster Hampel sowie Zündholzfabrikant Tatarsky.

Im Jahre 1938 wurde eine Fahne der „Deutschen Arbeiterfront“ am Fuße des Turmes geweiht.

Im Jahr 1950 war der Turm wegen Baufälligkeit für Besucher gesperrt.

Zur Zeit der DDR hieß das Bauwerk aus ideologischen Gründen "Hubertusturm". In dieser Zeit wurden alle Hinweise auf Bismarck entfernt, die Inschriften wurden herausgeschlagen. Entfernt wurden auch die schmiedeeiserne Kaiserkrone und die Kleeblätter auf der Eingangstür. Auf eine Befeuerung des Turmes wurde verzichtet. Der Wanderweg zum Turm wurde in „Hubertusstieg“ umbenannt.

Im Jahr 1988 wurde eine neue Wendeltreppe eingebaut, ein Jahr später war das Bauwerk im Ferienobjekt der LPG Pflanzenproduktion Cobbelsdorf-Fläming mit einbezogen und konnte nicht bestiegen werden.

Das nach der Wende wieder Bismarckturm benannte Bauwerk wurde der Gemeinde Wörpen im Jahr 2002 von der Treuhand-Nachfolgegesellschaft BVVG zum symbolischen Preis von 51 Cent überlassen.

Zum 100. Jahrestag der Einweihung des Bismarckturmes veranstaltete die Gemeinde Wörpen im August 2002 ein volkstümliches Fest am Bismarckturm. Der im Jahr 2015 aufgelöste Heimatverein Coswig e.V. organisierte von 2002 bis 2012 jährlich ein Turmfest.

Im Mai 2012 war die Gründung eines Bismarckturm-Vereines geplant, um Fördermittel für die Sanierung des Bauwerkes erhalten zu können. Ein Verein wurde nicht gegründet.

Der Turm ist seit vielen Jahren zu den Öffnungszeiten der angrenzende Gastwirtschaft "Hubertusberg" zugänglich.

Faltblatt/Flyer zur Turmgeschichte bei der Stadtinformation Coswig/Anhalt, Tel.: 034903/67167 oder über info(at)bismarcktuerme.de.


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Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 90
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von COSWIG (Sachsen-Anhalt)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 70 "Bismarck-Feuersäule auf dem Hubertusberge bei Coswig i. Anh.", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Stübler, Horst: „100 Jahres Bismarckturm auf dem Hubertusberg bei Coswig/Wörpen“ bei coswig-online.de (abgerufen am 14.11.2006, nicht mehr verfügbar)
- Anhaltische Elbe Zeitung (02.09.1902)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903, Nr. 14. "Die Bismarck-Säule auf dem Hubertusberge bei Coswig (Anh.)"


Fotografen

- Hans-Dieter Hirschmann aus Haßloch (März 2006)
- Albrecht Behrends, Bochum (April 2010)
- Marek Moson, Wroclaw (Mai 2012)
- Jörg Bielefeld, Remscheid (Mai 2012)