Update: 16.10.2016

Glasdach ersetzt Feuerschale
Der Bismarckturm in Calbe/Saale

Vorbemerkungen

Bereits nach dem Tode Otto von Bismarcks (31.07.1898) plante der Verschönerungsverein von Calbe einen Bismarckturm bei Calbe zu errichten. Aufgrund von unzureichenden Geldmitteln wurde dieser Plan zunächst fallen gelassen. Stattdessen wurde ein Bismarck-Gedenkstein mit Bismarck-Medaillon am Mägdesprung aufgestellt und am 01.04.1903 eingeweiht (Gedenkstein wurde vor 1950 entfernt).


Bauplanung

Im Herbst 1902 wurde von Bürgern aus Calbe die Idee, einen Bismarckturm zu errichten, erneut aufgegriffen. Die Bürger schlugen vor, auf dem Wartenberg bei Brumby (121,46 m über NN) als höchstem Punkt des Kreises Calbe eine Bismarcksäule nach dem Standard-Entwurf „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis zu errichten.

Am 09.12.1902 wurde mit den Geschwistern Brasack aus Calbe einen Kaufvertrag über zwei Morgen Ackerland auf dem Wartenberg über 3.000 Mark abgeschlossen. Am 13.02.1902 wurden über 100 Spendenlisten in den umliegenden Ortschaften durch Vertrauensmänner verteilt.

Am 17.02.1903 trafen sich auf Einladung von Gutsbesitzer Bartels im Sitzungssaal des Kreishauses 30 Männer, um den Bau eines Bismarckturmes konkret zu planen und entsprechende Ausschüsse zu bilden.

Zwecks Durchführung dieses Vorhabens wurde ein Bismarck-Ausschuss unter Vorsitz des Graf von Alvensleben aus Neugattersleben gebildet, der kurzfristig zu Spenden aufrief.

Aus dem Bismarck-Ausschuss heraus wurde ein Bau-Ausschuss gegründet, der ein Preisausschreiben zur Erlangung eines geeigneten Turm-Entwurfes erließ. Bis Ende März 1903 gingen dreißig Entwürfe ein.

Am 01.04.1903 wurde im Saal des Kreishauses zu Calbe aus fünf Entwürfen der engeren Auswahl der Entwurf des Maurermeisters Bielitz aus Nienburg zur Ausführung gewählt. Zu diesem Zeitpunkt standen dem Bismarck-Ausschuss schon 13.000 Mark an Spenden zur Verfügung. Die geschätzten Kosten für den Turmbau nach dem gewählten Entwurf betrugen 30.000 Mark.

Zwecks Akquirierung weiterer Spenden wurden Sammellisten an alle Ortschaften der Umgebung geschickt, die später in einem „Goldenen Buch“ aufbewahrt werden sollten. Zudem wurden 67 Ringzeichnungen für Ringtafeln mit den Namen der umliegenden Gemeinden im Gesamtwert von 15.000 Mark (Mindestbetrag: 200 Mark) vorgenommen.

Am 1. Pfingstfeiertag 1903 wurde zum Besten des Bismarckturmes ein Konzert im Kunze'schen Garten durchgeführt.

Am 10.06.1903 war der Baufonds bereits auf rund 21.000 Mark angewachsen. Daraufhin wurde beschlossen, den Turm 30 m hoch zu bauen und mit den Bauarbeiten sofort zu beginnen. Die Arbeiten sollten zügig durchgeführt werden, um das Bauwerk am 01.04.1904 einweihen zu können.

Die Gesamtbaukosten betrugen 34.000 Mark. Knapp 22.600 Mark wurden durch Spenden in 50 umliegenden Gemeinden eingenommen, 1.415 Mark spendeten die Gemeinden Barby, Brumby, Gnadau, Hohendorf-Neugattersleben und Pömmelte. 10.000 Mark bewilligte der Kreistag am 28.03.1904 unter der Voraussetzung, dass das Bauwerk in den Besitz des Kreises übergeht.


Bauarbeiten

Maurermeisters Bielitz aus Nienburg/Saale übernahm die Bauausführung des Bismarckturmes.

Als Baumaterial für den Bismarckturm wurde wetterfester Bruchkalkstein aus den Steinbrüchen bei Glöthe verwendet. Zement und Zementkalk stammen von der Saronia-Zementfabrik in Glöthe.

Die Bau-Vorbereitungen starteten Mitte Mai 1903 mit dem zwei Meter starken Betonfundament. Am 20.05.1903 war der Beton ausgehärtet.
Die Bauarbeiten begannen Mitte Juni 1903. Bereits Mitte Juli 1903 war der Turm so hoch gebaut, dass er aus weiter Entfernung gesehen werden konnte.

Die für den 30.07.1903 geplante Grundsteinlegung wurde nicht durchgeführt, da der Bau bereits weit fortgeschritten war und die Spendensammlungen noch nicht abgeschlossen waren. Stattdessen sollte eine feierliche Schlusssteinlegung zusammen mit der Einweihung durchgeführt werden.

Am 10.08.1903 war der Turm auf 15 m Höhe, am 23.08.1903 bereits auf 23 m Höhe angewachsen. Im Innern des Hauptturmes war der Treppenaufgang von der 1. Etage nach oben fertig gestellt.

Mitte September 1903 fehlten nur noch die Turmzinnen und die Innendekoration. Die geplanten Anlagen um den Turm waren schon teilweise markiert.

Aufgrund des Baufortschritts plante man, die Einweihung auf den 18.10.1903 vorzuziehen, zumal der 01.04.1904 auf einen Karfreitag fallen würde (stiller Feiertag, an dem öffentliche Feste verboten waren). Da der Oktobertermin nicht eingehalten werden konnte, wurde der 22.03.1904 (Geburtstag Kaiser Wilhelms I.) als Einweihungstag festgesetzt.

Weitere beteiligte Handwerker und Firmen

Treppenstufen (Firma Wiegand, Linse/Weser)
Granitplatten (Mauermeister Förster aus Calbe, Granit aus Wernigerode)
Fenster und Oberlicht (Kunstanstalt für Glasmalerei Ferdinand Müller, Quedlinburg)
Gedenksteine (Firma E & O Merkel, Bernburg)
Holzarbeiten (Zimmermeister Becker, Calbe)
Eisenarbeiten (Kupferschmiedemeister Otto Miller, Calbe)
Blitzableiter (Firma F. Sohl, Magdeburg)


Turmbeschreibung (zur Zeit der Einweihung)

Der 30 m hohe Wartturm mit 6 m hohem Anbau auf der Westseite wurde als Aussichtsturm mit Befeuerungsmöglichkeit auf einem 2 m starken Betonfundament mit einem Durchmesser von 15 m errichtet.

Der runde, sich nach oben hin verjüngende Turm hat an seiner Basis einen Durchmesser von 12 m bei einer Mauerstärke von 1,75 m und knapp 40 m Umfang. Für den Bau waren insgesamt 1.300 m³ Mauerwerk erforderlich.

In Höhe von 2,00 m weist der Turmschaft rundum einen 0,14 m tiefen Absatz auf. In 9 m Höhe, hier beträgt der Durchmesser des Turmes 11,00 m, läuft ein ca. 1 m breites Band um den Turmschaft. Von hier aus verjüngt sich das Bauwerk bis zu einer Höhe von 26 m. Der Turmkopf, unten abgesetzt mit einem Rundbogenfries, kragt leicht aus.

Über vier Stufen einer vorgelagerten bis zu 5,28 m breiten Rundtreppe gelangt man auf der Südseite des Bismarckturmes zum 3,85 m x 2,00 m großen Eingangsbereich mit Rundbogen. Durch ein zweiflügeliges Holzportal (2,50 m x 2,00 m) betritt man die ca. 60 m² große Bismarck-Gedenkhalle. Der Durchmesser der Rundhalle mit kuppelartiger Decke beträgt 8,34 m (ohne die zwei 1,10 m tiefen Nischen mit bleiverglasten Fenstern). In der Kuppel wurde ein Bismarckwappen auf einem Glasfenster angebracht. In der Halle präsentierte man auf einem Glaskasten das „Goldene Buch“, dahinter auf einer Säule stellte man eine Bismarck-Büste auf einem Sockel auf.

Über dem Eingang der Gedenkhalle wurde ein roter Porphyrstein mit der Inschrift

"Dem Fürsten Bismarck in Dankbarkeit und Treue"

angebracht.

Der Aufstieg auf die Plattform ist nur über den seitlichen, 6 Meter hohen Anbau auf der Westseite möglich. Durch die 2,67 m x 1,30 m hohe Tür des Rundbogenportals gelangt man in den Anbau.

Über der Tür Anbaus eine schwarze Granittafel mit der Inschrift

"GEWIDMET/
VON EINWOHNERN/
DES KREISES CALBE/
AM I. APRIL 1904.
"

angebracht.

Durch die Eingangstür des Anbaus führt linksseitig eine rechtsdrehende Steintreppe mit 15 Stufen zu einem Gang, über weitere 17 Steinstufen gelangt man zur Plattform des Anbaus. Durch eine 2,40 m x 1,12 m Rundbogentür erreicht man eine Treppe mit 5 Stufen, die zum Turmbereich oberhalb der Gedenkhalle führen.

Eine linksdrehende Wendeltreppe aus Stein führt an der Außenwand des Turmes nach oben. Nach 34 Stufen erreicht man den 1. Absatz, nach weiteren 33 Stufen den 2. Absatz. Von hier aus gelangt man über 39 Stufen zur oberen Turmetage direkt unter die Aussichtsplattform. Weitere 13 Stufen einer Steintreppe führen zur Zinnenaussichtsplattform, die man durch eine Metalltür eines Aufsatzes betritt.

Die Gesamtstufenzahl (Innenstufen) beträgt 151, davon 32 Stufen im Anbau und 119 Stufen im Turm.

Die runde Aussichtsplattform hat einen Innendurchmesser von 8,70 m. Mittig wurde eine einfache Feuerpfanne aus Mauersteinen installiert. Als Feuermaterial wurde Scheitholz mit Petroleum benutzt. Die Flammenhöhe betrug 3-5 m bei einer Brenndauer von zwei Stunden.

Die Höhe der Brüstung beträgt 1,40 m. Diese weist eine Stärke von 0,90 m auf.


Turmgeschichte

Am 22.03.1904 ab 14:00 Uhr wurde die feierliche Einweihung durchgeführt. Die Festansprache hielt Landrat Pape vor dem Eingang der Bismarck-Gedenkhalle. Die Weiherede hielt Gutsbesitzer Bartels, der darauf verwies, dass bis zu diesem Tag 23.000 Mark an Spenden für den Turm gesammelt werden konnten und dass man noch weitere Spenden aufgrund der noch ausstehenden Sammellisten erwarte. Daher solle das Goldene Buch mit den Sammellisten noch nicht abgeschlossen und die Ringtafeln mit den Namen der Gemeinden noch nicht am Turm angebracht werden. Das Goldene Buch, dessen Einband mit Reichswappen versehen und von der Firma Hulbe aus Hamburg gestaltet worden war, war bereits in der Halle des Turmes in einem Glaskasten untergebracht.

Die Schließung des Goldenen Buches war nun zusammen mit der offiziellen Schlusssteinlegung am 01.04.1905 avisiert.

Am 29.03.1904 wurde der Turm an einem Nachmittag von 500 Besuchern bestiegen. Am 01.04.1904 um 20:00 Uhr wurde erstmals das Feuer auf dem Turmkopf entzündet.

Das Bauwerk wurde bis zum 01. November jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag sowie an Feiertagen für Besucher geöffnet. Zur Deckung der Restkosten des Turms wurde Eintrittsgeld verlangt (Erwachsene 20 Pfennig, Kinder 5 Pfennig). Außerhalb der regulären Öffnungszeiten war der Besuch des Turmes gegen Aufpreis möglich.

Bis Mitte Mai 1904 war der Bismarckturm von 1.000 Kindern und mehr als 2.000 Erwachsenen bestiegen worden. Bis Anfang August 1904 erhöhte sich die Gesamtbesucherzahl auf 7.000 Personen.

Die Bismarck-Büste in der Ehrenhalle wurde nach 1945 entfernt.

Im Jahr 1949 wurde der Turm zum Gedenken an die „Opfer des faschistischen Terrors“ auf Initiative der Widerstandskämpfer in VVN-Turm (Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes) umbenannt.

Über dem Eingang wurde eine Steintafel mit den roten Buchstaben

  V V N
T U R M

angebracht. Im Innern der Gedenkhalle wurde ein 2,50 m x 2,50 m großer VVN-Gedenkstein aufgestellt.

Von März 1983 bis August 1984 wurde das Bauwerk von Dessauer Bergsteigern neu verfugt (Kosten: 122.000 DDR-Mark). Am 07.10.1984 wurde der Turm wieder für Besucher freigegeben.

Nach der Wende 1989 erhielt der Turm seinen ursprünglichen Namen (Bismarckturm) wieder zurück und wurde samstags, sonntags und an Feiertagen zwischen 13:00 und 17:00 Uhr geöffnet.

Das Bauwerk wurde Anfang der 1990er Jahre saniert. Bei der Sanierung wurde die Buchstaben VVN-Turm aus der Steintafel herausgeschlagen, die Buchstaben waren aber noch lesbar. Die Feuerschale wurde entfernt. Stattdessen erhielt der Turm in der Mitte der Plattform einen gläsernen pyramidenförmigen Aufsatz (Durchmesser: 2,70 m), durch den Licht in die obere Turmetage fällt.

Der Ausstieg ist seitdem durch einen bis zu 2,48 m hohen und 1,45 m breiten metallenen Aufsatz mit Schrägdach möglich. Durch eine 2,00 m hohe verschließbare Tür ist das Betreten der Plattform möglich.

Im Jahr 2004 wurde der Bismarckturm in Calbe (Saale) 100 Jahre alt. Oberhalb der Eingangstür wurde der Schriftzug „Bismarckturm“ angebracht. Der VVN-Gedenkstein in der Gedenkhalle wurde entfernt.

Am 09. Mai 2004 wurde das Jubiläum mit der Eröffnung der neu gestalteten Gedenkhalle und einem kulturellen Rahmenprogramm feierlich begangen.

Zum Jubiläum "100 Jahre Bismarckturm" erschien Mitte August 2004 eine bronzene Gedenkmedaille (Durchmesser 60 mm) in einer kleinen Auflage von 100 Stück nach einem Entwurf von Lutz Ruffert.

Im Jubiläumsjahr 2004 errichtete der Dipl.-Ing. Oskar-Heinz Werner aus Calbe/Saale vom 01. April bis 08. Mai eine steinerne 1:10 - Kopie des Bauwerkes in seinem Garten.

Am 26. Mai 2007 wurde in der sanierten Gedenkhalle ein Bismarck-Stahlschnitt (Höhe 1,70 m, Breite 1,30 m) eingeweiht. Der Stahlschnitt steht auf einem weißen Sockel, der das Bismarck-Zitat

"Leisten wir uns den Luxus, eine eigene Meinung zu haben"

trägt. Die Initiative erfolgte durch Rudolf Kramer aus Calbe.

Der Bismarckturm Calbe wurde in den Jahren 2012 und 2013 mit einem Kostenaufwand von 240.000 EUR saniert. Die Gedenkhalle wurde dabei nicht berücksichtigt. Aufgrund von starken Witterungsschäden soll diese bis mindestens Ende 2016 für Besucher gesperrt bleiben.


Öffnungszeiten (vom 01. Mai bis 03. Oktober)

Sa. von 14:00 - 17:00 Uhr
So. von 10:00 - 17:00 Uhr

Die Gedenkhalle kann aufgrund von Schäden nicht besichtigt werden.


Links

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Foto-Galerie

Flyer zum Bismarckturm Calbe/Saale (Download PDF-Datei)


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 84/85
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von CALBE (Sachsen-Anhalt)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 99  "Bismarck-Turm bei Calbe a.d. Saale", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Goldenes Buch der Stadt Calbe (Bismarckturm Calbe/Saale 1903/1904)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 1. Jahrgang 1903 (Nr. 3, S. 5; Nr. 4, S. 4; Nr. 5, S. 9), 2. Jahrgang 1904 (Nr. 2, S. 3; Nr. 6, S. 2, Nr. 9, S. 3; Nr. 11/12, S. 10), 5. Jahrgang 1907 (Beilage: „Die Bismarck-Feuersäule“)
- Stadt- und Landbote – Amtliches Calbesches Kreisblatt, 44. Jahrgang 1903 (Nr. 41 vom 18.02.; Nr. 94 vom 23.04., Nr. 135 vom 12.06.), 45. Jahrgang 1904 (Nr. 11 vom 14.01.; Nr. 66 vom 18.03.; Nr. 69 vom 22.03.; Nr. 71 vom 24.03.; Nr. 72 vom 25.03.; Nr. 77 vom 31.04.; Nr. 118 vom 21.05.)
- Werner, Oskar-Heinz: Calbe (Saale): Brief vom 18.07.2004 zum Nachbau des Bismarckturmes im Maßstab von ca. 1:10.


Fotos

- Rudolf Cramer, Calbe (Mai 2004)
- Hans-Dieter Hirschmann, Haßloch (Mai 2006)
- Jörg Bielefeld, Remscheid (Mai 2012)
- Marek Moson, Wroclaw (Mai 2012)

Bismarckturm Calbe/Saale
Bismarckturm Calbe/Saale