Update: 08.06.2015

Die erste schlesische Bismarcksäule
Die Bismarcksäule in Görlitz

Vorbemerkungen

Die Bismarcksäule in Görlitz gehört zu den 47 Bismarcktürmen nach dem Standardentwurf „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis. In Görlitz wurde das Bauwerk als Feuersäule ohne Aussichtsfunktion ausgeführt.

Der Görlitzer Turm war damit die erste Bismarcksäule in Schlesien (heute gehört der westliche Teil von Görlitz zu Sachsen).


Bauplanung

Die akademische Jugend in Görlitz regte den Bau dieser Bismarcksäule bereits kurz nach dem Aufruf der Deutschen Studentenschaft vom Januar 1899 an. Wie in vielen anderen Städten wurde ein Bismarckturm-Komitee (Ehrenvorsitzender Oberbürgermeister Paul Büchtemann, Vorsitzender Dr. Baron) gegründet.

Am 14.09.1899 erhielt das Komitee vom Ober-Präsidenten der Provinz Schlesien in Breslau die Erlaubnis zur Sammlung von Spenden für die geplante Säule.

Am 12.10.1899 wurden in der „Niederschlesischen Zeitung“ Abbildungen und ein Grundriss des Turm-Entwurfs, gezeichnet von Robert Scholz aus Görlitz, veröffentlicht. Die „Niederschlesische Zeitung“ in Görlitz veröffentlichte am 14.10.1899 einen Spendenaufruf, der vom geschäftsführenden Ausschuss des Komitees und zweiundfünfzig Bürgern unterzeichnet war. Bereits zu dieser Zeit hatte sich das Komitee für den Entwurf „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis entschieden.

Am 10.12.1899 wurden verschiedene Perspektiv-Ansichten des Turmes in der Presse veröffentlicht. Architekt Wilhelm Kreis arbeitete nach einer Ortsbesichtigung im Herbst 1899 ein schriftliches Gutachten aus, in dem er den südlichen Gipfel der Landeskrone mit kahlen Basaltfelsen als geeignet für den Standort der Bismarcksäule bezeichnete. Dieser Vorschlag wurde vom Komitee einstimmig angenommen. Der Baufonds war zu dieser Zeit schon auf 9.000 Mark angewachsen.

Am 09.02.1900 wurde eine festliche Veranstaltung zum Besten der Bismarcksäule durchgeführt. Der Baufonds erhöhte sich bis September 1900 auf gut 13.000 Mark.

Mit dem Magistratsbeschluss II 5131 vom 20.11.1900 wurde dem „Komitee zur Errichtung eines Bismarckturmes“ ein Platz zur Errichtung eines „13 m hohen Baus“ auf der Landeskrone zur Verfügung gestellt. Die Überlassung erfolgte nach einer heftigen Debatte bei der Stadtverordnetensitzung am 07.12.1900 unentgeltlich.

Am 06.03.1901 wurden mehrere Pläne des Architekten Kreis von Regierungsmeister Wortmann und Dr. Michaelsen mit Prüfvermerken an das „Görlitzer Bureau“ zur Ausarbeitung weitergeleitet.

Am 10.06.1901 wurden vom Vorsitzenden des Bauausschusses sowie vom ausführenden Unternehmer die zur Ausführung bestimmten Pläne (als Anlage des Vertrags vom gleichen Tag) unterschrieben.

Insbesondere durch Spendensammlungen in Görlitz und Umgebung konnte die 19.324,11 Mark teure Feuersäule finanziert werden. Die Stände der preußischen Oberlausitz steuerten 2.000 Mark zum Turmbau bei.


Bauarbeiten

Am 15.07.1901 wurde mit der Maurerarbeiten begonnen.

Die Ausführung des Entwurfes übernahm Maurermeister Adalbert Rothenburger aus Görlitz.

Die Feuersäule besteht aus Ziegelmauerwerk, welches im Verbund mit Granitwerkstein (Königshainer Granitstein) verkleidet wurde. Der untere, abgestufte Mauersockel wurde mit Granitplatten belegt.

Die jeweils fünfzig Zentner schweren Granitblöcke wurden per Bahn bis zum Görlitzer Güterbahnhof gebracht. Es dauerte sechs Tage, bis alle Blöcke zur Baustelle auf die Landeskrone verbracht worden waren.

Die stählerne Feuerschale mit einem Durchmesser von 2,28 m, die auf Stahlkugeln lagerte, wurde von der Firma Albinius & Lehmann gefertigt und installiert (Kosten 412 Mark).


Turmbeschreibung

Als Basis der 13 m hohen Feuersäule ohne Aussichtsfunktion dient ein quadratisches Fundament mit einer Breite von 7,88 m x 7,88 m. Die sichtbare Fundamenthöhe liegt zwischen 1,00 m (Nordostseite) und 1,70 m (Nordwestseite). Das aus Ziegelsteinen gebaute Fundament wurde mit Putz verkleidet.

Auf der Nordostecke ist das Fundament des Turmes über vier Treppenstufen, auf der Südseite mittig über sechs Stufen betretbar.

Auf dem Fundament erhebt sich eine 0,65 m hohe und 0,87 tiefe Podeststufe mit einer Kantenlänge von 6,12 m x 6,12 m.

Der quadratische Turmsockel mit einer Kantenlänge von 4,40 m x 4,40 m erhebt sich auf der Podeststufe. Der Sockel hat eine Höhe von 1,69 m und ist in einer Höhe von 1,43 m einfach abgestuft.

Darauf erhebt sich der 6,62 m hohe Säulenschaft (Breite mit den Außenkanten der vier Ecksäulen 4 m x 4 m), der sich nach oben leicht verjüngt.

Die vier Kanten des Schaftes bestehen - wie bei dem Entwurf "Götterdämmerung" typisch - aus Dreiviertelsäulen, die von einem Architrav mit zweistufigem Oberbau zusammengehalten werden.

Der Architrav kragt leicht aus (Außenkanten 4,76 m x 4,76 m). Diese Gesims-Konstruktion hat eine Höhe von 1,04 m und trägt den 2,32 m hohen Feuerschalenunterbau mit runder Feuerschale.

Durch eine Metall-Tür (Größe 1,76 m x 0,92 m) im unteren Sockel gelangt man in einen 1,50 m x 1,50 m breiten Hohlraum, von dem Steigeisen auf einen Sockel unterhalb der Feuerschale führen. Durch ein Loch in der Feuerschale wurde das Brennmaterial mittels Seilzug an der Südwestseite des Turmes nach oben befördert.

In der Umfassung des Turmes sind fünf schlitzförmige Fenster angebracht, die für Licht und Belüftung dienen sollen.

Im Zwischenfeld der Säulenschäfte der Ostseite wurde ein Reichsadlerrelief angebracht. Ein geplantes Bismarck-Medaillon auf der Westseite wurde nie verwirklicht.


Turmgeschichte

Die feierliche Einweihung der Bismarcksäule fand am 18.10.1901 statt. Das Bauwerk wurde im Rahmen der Feier offiziell von Direktor Dr. Baron an den Vertreter der Stadt Görlitz übergeben. Erstmals wurde das Feuer auf dem Turmkopf entzündet.

Am 18.12.1903 löste sich das Bismarcksäulen-Komitee auf, nachdem alle vereinbarten Restzahlungen geleistet worden waren.

Die Befeuerung erfolgte zuerst mit Pech, man war aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Vor 1907 versuchte man eine Befeuerung mit Holz. Zu diesem Zweck setzte man ein 1,20 m hohes Eisengitter auf die Feuerschale. Im Eisengitter wurden vier Kubikmeter Fichten- und Birkenholz sowie drei Kubikmeter Reisigbündel gestapelt, mit Spiritus übergossen und entzündet. Durch diese Maßnahme erreichte man eine Flammenhöhe von 5-7 Metern bei einer Brenndauer von 3-4 Stunden.

Jeweils am 01. April sollen bis (mindestens) 1915 Befeuerungen durchgeführt worden sein.

Etwa 1948 wurde das Reichsadlerrelief aus ideologischen Gründen zubetoniert. Der Bismarckturm wurde in "Freiheitsturm" umbenannt. Nach einer anderen Quelle wurde das Bauwerk am 21. Juni 1961 in „Turm des Friedens“ umbenannt. Die neue Bezeichnung setzte sich im öffentlichen Bewusstsein nicht durch.

Durch Witterungseinflüsse entstanden an der Mauerkrone Risse, die Steinklammern waren durch Korrosion schadhaft geworden. Einige Steine hatten sich aus den Klammern gelöst.

Durch das Hochbauamt der Stadt Görlitz in Zusammenarbeit mit der Unteren Denkmalschutzbehörde wurde die Bismarcksäule 1994/95 durch die Restaurierungsstätten Görlitz (Dresdner Bau- und Denkmalpflege GmbH) saniert. Das zubetonierte Reichsadlerrelief wurde wieder freigelegt.

Am 100. Geburtstag der Bismarcksäule (18.10.2001) fand unter Leitung von Dr. Ernst Kretzschmar aus Görlitz ein kulturgeschichtlicher Spaziergang zur Bismarcksäule statt. Dr. Kretzschmar zitierte u.a. zeitgenössische Presseberichte und Texte der Reden zur Einweihung der Bismarcksäule.

Im Oktober 2007 war die Bismarcksäule so zugewachsen, dass sie vom Fuß der Landeskrone aus Richtung Zentrum kaum zu erkennen war.

Im Mai 2015 war die Süd-Sichtachse freigeschnitten.


Links

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Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 163
- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-SÄULE von GÖRLITZ (Sachsen)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 53 "Bismarck-Feuersäule auf der Landeskrone bei Görlitz", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 5. Jahrgang 1907 (Beilage: „Die Bismarck-Feuersäule“)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903, "Die Bismarck-Säule (Architekt Kreis) in auf der Landeskrone bei Görlitz"
- Franken, Friedrich K.H.M.: "Kontinuität und Wandel in Leben und Werk des Architekten Wilhelm H. Kreis“, Dissertation Technische Hochschule Aachen, 1996, S. 44-50
- Kwiecinski, Max: „Das Wichtigste aus der Geschichte von Görlitz“, Vierlingsche Buchhandlung, 1902, S. 359 ff.
- Dr. Kretzschmar, Ernst: Briefliche Mitteilungen vom 05.02.2001, 27.12.2001, 15.02.2002, 11.03.2002, 29.06.2002 und 06.08.2002


Bildmaterial

- Jörg Bielefeld, Remscheid (Fotos August 2002, Mai 2015); historische Ansichten: Archiv J. Bielefeld
- Ralph Männchen. Dresden (April 2007)
- Robert Waibel, Salach (April 2010)
- Marek Moson, Wroclaw (Mai 2015)


AK-Motiv Bismarcksäule Görlitz
Foto Bismarcksäule Görlitz April 2007, Fotograf: Ralph Männchen
AK-Motiv Bismarcksäule Görlitz
AK-Motiv Bismarckturm Görlitz (projektierter Turm)