Update: 11.03.2015

Im Krieg zerstört
Der Bismarckturm in Chemnitz

Bauplanung

Der 1901 gegründete "Verein Bismarck-Tisch" in Chemnitz plante am 01.11.1901 (oder 23.11.1901) einen Bismarckturm bzw. eine Bismarcksäule zu errichten.

Im Jahr 1902 wurde ein Bismarckverein zum Zwecke des Turmbaus gegründet. Als Vorsitzender des Vereins wurde der Kaiserliche Bank-Direktor Ernst Robert Frenkel gewählt.

Als Standort des geplanten Turmes wurden sechs Orte vorgeschlagen, u.a. die höchste Kuppe des Adelsberges und ein Platz neben dem „Eichhörnchen“. Aufgrund der guten Fernsicht und der Stadtnähe wählte man letztendlich die Bornaer Höhe, ein Hochplateau nordwestlich von Chemnitz, 375 m über NN (Parzelle C der Bornaer Flur, heute: Röhrsdorfer Höhe). Den 6.000 m² großen Bauplatz stellte Oberfinanzrat Ledig unentgeltlich zur Verfügung.

Zur Erlangung eines geeigneten Entwurfes für einen Aussichtsturm mit Befeuerungsmöglichkeit wurde ein Wettbewerb unter allen deutschen Architekten bis zum 30.09.1902 ausgeschrieben. Insgesamt gingen 210 Bauentwürfe ein. Am 24.10.1902 bestimmte das sechsköpfige Preisgericht die mit 500 Mark, 300 Mark und 200 Mark dotierten Platzierungen der Entwürfe von:

1.    Architekt Jakob Berns, Remscheid
2.    Architekt Kurt Diestel, Dresden-Blasewitz
3.    Regierungs-Bauführer Oskar Eggeling aus Charlottenburg

Aufgrund der zu hohen Kosten (im Wettbewerb war eine Maximalgrenze von 50.000 Mark vorgesehen) und des „mangelnden Interesses der Prämierten“ wurde keiner prämierten Entwürfe zur Ausführung ausgewählt.

Der Verein kaufte daher auf Vorschlag des beauftragten Sachverständigen, Stadtbaurat König, den Entwurf von Architekt Walther Müller aus Reichenhain bei Chemnitz an.

Die Baugenehmigung wurde am 19.05.1903 durch die Amtshauptmannschaft erteilt.

Am 22.05.1903 wurde der Bauplatz ins Grundbuch eingetragen (Eigentümer: Bismarckverein). Eine Erweiterung des 6.000 m² großen Bauplatzes durch Zukauf weiterer, südlich angrenzender und höher liegender Grundstücke, scheiterte am Widerstand der Grundstücksbesitzer.

Am 17.11.1903 wurden in der 2. Ordentlichen Hauptversammlung des Bismarckvereins zwei wichtige Beschlüsse gefasst.

1.    Der Bismarckturm sollte 32 m hoch gebaut werden.
2.    Der Turm-Entwurf des Architekten Müller wurde einstimmig zur Ausführung angenommen.

Die Kosten des Baus wurden insbesondere durch 2.000 Spenden getragen. Im Jahr 1904 stiftete Geh. Kommerzienrat Vogel 3.000 Mark, Oberfinanzrat a.D. Ledig 2.000 Mark.

Am 21.09.1904 fand ein Konzert des Lehrer-Gesangsvereins zum Besten des Bismarckturms statt, welches 500 Mark für den Baufonds einbrachte.

Am 01.04.1905 wurde nach Durchführung des 1. Spatenstichs (eine Grundsteinlegung fand nicht statt) ein Kommers im 1903 errichteten, benachbarten Bismarckschlösschen durchgeführt.

Am 29.07.1905 kontaktierte Architekt Walther Müller die auf Feuerinstallationen spezialisierte Fa. R. Fiedler in Berlin, um Vorschläge für eine geeignete Befeuerungsmöglichkeit zu bekommen.

Die Spendensumme lag im Oktober 1905 bei insgesamt 25.000 Mark, Anfang 1906 bereits bei 40.421 Mark.

Die Gesamtkosten für den Turmbau betrugen 53.662 Mark.  Der Turmbaufonds betrug letztendlich 47.502 Mark. Für die Restsumme (6.160 Mark) nahm der Bismarckverein ein Darlehen auf.


Bauarbeiten

Walther Müller aus Chemnitz übernahm die Bauleitung, der erste Spatenstich erfolgte am 01.04.1905 um 18:00 Uhr. Der eigentliche Baubeginn war der 01.06.1905, die Einweihung war für den 01.04.1906 geplant.

Als Baumaterialien wurden graugrüner Harthauer Chloritschiefer für das Mauerwerk sowie Mittwaider Granit für die hellen Gliederungen verwendet.

Die Maurerarbeiten wurden von der Firma Gebrüder Uhlich aus Chemnitz ausgeführt.

Im Herbst 1905 war der Turm schon bis zur Hälfte errichtet. Im Frühjahr 1906 war der Turm vollendet, die Einweihung wurde aber auf den 24.05.1906 (Himmelfahrtstag) verschoben.


Turmbeschreibung

Der 32 m hohe Aussichtsturm ohne Befeuerungsmöglichkeit gliederte sich in drei Abschnitte.

1.    Turmsockel
Der 6,15 m hohe Turmsockel war quadratisch, mit abgerundeten Ecken, angelegt und umfasste den eigentlichen Turmschaft. Der Sockel war umlaufend von acht  hervorstehenden Strebepfeilern umgeben.
Über eine eingefasste lange Treppe war der Turmeingang erreichbar. Durch die 2,26 m x 1,10 m große und 4 cm starke Bogentür aus Eichenholz gelangte man in einen Ausstellungsraum mit einer Grundfläche von 40 m². Im Ausstellungsraum wurde ein Bronze-Relief Bismarcks angebracht. Über eine Innentreppe war die 1. Aussichtsebene in 6,15 m Höhe erreichbar.

2.    Turmschaft
Der Austritt auf die 1. Aussichtsebene lag auf der Eingangsseite des Turmes. Die Ecken des Umgangs waren durch runde Ausbuchtungen verstärkt. Der Turmschaft verjüngte sich nach oben.
Eine Beton-Treppe führte im Innern bis zur oberen Aussichtsebene im Turmkopf. In Höhe von 19,80 m des Turmschafts war auf jeder Seite ein Austritt auf einer kräftigen Konsole angelegt.

3.    Turmkopf
Auf einer Höhe von ca. 22 m kragte der Turmkopf leicht aus. In Höhe von 25,40 m lag die 2. Aussichtsebene mit einem weiteren Umgang mit einer Grundfläche von 18 m², die bis zu 54 Personen Platz bot.
Der nach oben leicht abgerundete und geschlossene Turmkopf schloss nach oben mit einer quadratischen, leicht auskragenden  Befeuerungsebene ab, die an allen vier Ecken auffällig verstärkt war.


Turmgeschichte

Am 24.05.1906 wurde der Bismarckturm Chemnitz feierlich eingeweiht, mehrere Tausend Besucher nahmen daran teil. Die Begrüßung erfolgte durch Reichsbahndirektor Frenkel, die Weiherede hielt Oberpfarrer Dr. Kölztsch. In den Abendstunden wurde das Bauwerk mit Fackellicht, bengalischem Feuer und „Raketenfeuer“ beleuchtet. Eine eigene Befeuerungsanlage sollte erst nach Prüfung mehrerer Systeme installiert werden.

Konkrete Planungen gab es zu einer Befeuerung mittels acht Feuerbecken; die Entscheidung über die Anschaffung der Anlage wurde aber immer wieder verschoben. Letztendlich wurde keine Befeuerungsanlage installiert.

Vom Einweihungstag bis Mitte August 1906 wurde der Turm von 4.800 Erwachsenen und 1.650 Kindern besucht.

Anfang 1910 beschloss der Bismarck-Verein, zum 01.04.1910 insgesamt 25 % der für den Turm gewährten Darlehen zurückzuzahlen. 25 % des Darlehens (1.540 Mark) wurden bis Ende 1910 zurückgezahlt, weitere 25 % sollten im Jahr 1911 beglichen werden.

Im Jahr 1910 betrug die Besucherzahl 7.527, davon 4470 Erwachsene und 3.057 Kinder.

Im Jahr 1913 lag der Eintrittspreis für Erwachsene bei 10 Pfennig, für Kinder waren 5 Pfennige zu zahlen. Ein Turmwärter war zu den Öffnungszeiten vor Ort.

Der Bismarckverein löste sich im Jahr 1914 auf. Das Bauwerk samt Grundstück ging in das Eigentum der Stadt Chemnitz über. Der Bismarckverein stellte für die Überlassung dabei zwei Bedingungen:

1.    Alle Mitglieder des Bismarck-Vereins, die bis 1912 ihren Beitrag bezahlt hatten, erhielten eine 10 Jahre gültige Dauerkarte für den Bismarckturm.
2.    Die Stadt Chemnitz sollte zum 100. Geburtstag von Bismarck am 01.04.1915 für das Abbrennen von Höhenfeuern sorgen.

Der Bismarckturm in Chemnitz wurde zum Ende des Zweiten Weltkrieges, ca. im April 1945, zerstört. Zur Art der Zerstörung gibt es verschiedene Versionen:

1. Die SS sprengte den Turm selbst, um ihn nicht dem anrückenden Corps der US-Armee zu überlassen.
2. Das Bauwerk wurde durch das Artilleriefeuer amerikanischer Truppen (XX. Corps der US-Armee) vernichtet.
3. Nach Angaben des letzten Wirtes am Bismarckturm wurde das Bauwerk vom Artilleriefeuer der Amerikaner beschossen und auch getroffen. Um den Amerikanern den Turm nicht zu überlassen, wurde er von den Deutschen gesprengt.

Die zweite Version wird von den Schilderungen des Chemnitzers Willfried Gerlach unterstützt (Juni 2011). Er gab an, dass er mit seinem Bruder (damals 12 und 10 Jahre alt) die Zerstörung des Turmes beobachtet habe. Am Tag der Zerstörung habe sich ein amerikanischer Panzer etwa 300 m unterhalb der gesprengten Autobahnbrücke auf der Leipziger Straße positioniert und habe ca. 10 Schüsse auf den Bismarckturm abgegeben. Nach jedem Schuss verstärkten sich die Beschädigungen, bis der Turm völlig zusammengebrochen sei. Nach Kriegsende lagen nur noch ein paar Steinreste am ehemaligen Standort, weitere Trümmer waren bereits entfernt worden.


Links

Historisches Chemnitz (mit detaillierten Angaben zur Zerstörung des Turmes)

Google Maps (ehemaliger Standort)

Google Earth (ehemaliger Standort)


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 87
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von CHEMNITZ (Sachsen)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 124 "Bismarck-Feuersäule zu Chemnitz", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 1. Jahrgang 1903 (Nr. 3, S. 5); 2. Jahrgang 1904 (Nr. 2, S. 3; Nr. 9, S. 3; Nr. 11/12, S. 10); 3. Jahrgang 1905 (Nr. 2, S. 6; Nr. 5, S. 7; Nr. 8, S. 9; Nr. 11, S. 10), 4. Jahrgang 1906 (Nr. 1, S. 12; Nr. 4, S. 59; Nr. 7/8, S. 110; Nr. 12, S. 190); 8. Jahrgang 1910 (Nr. 1/2, S. 22/23), 9. Jahrgang 1910 (Nr. 2, S. 32/33)
- Centralblatt der Bauverwaltung, 1902, Nr. 63, S. 391
- Chemnitzer Neueste Nachrichten Nr. 118 vom 23.05.1931


Bildmaterial

- historische Ansichten: Archiv J. Bielefeld, Remscheid


Nicht ausgeführter Bismarckturm-Entwurf
Einweihungsfeier am 24.05.1906