Update: 07.04.2013

Wenige Jahre für Bismarck
Der Bismarckturm in Ratibor

Bauplanung

Der Bau dieses Bismarckturms wurde vom Regierungsbaumeister Albach am 01.04.1911 angeregt.

Am 08.06.1911 bildete sich aus den Vorsitzenden der größeren Vereine in Ratibor und einigen Bürgern ein Arbeitsausschuss, ein zusätzlicher Ehrenausschuss wurde aus Männern der Führungsriege der Stadt und des Landkreis Ratibors gebildet, u.a. Karl Max Fürst von Lichnowsky (Herzog von Ratibor) und Graf von Pückler-Burghaus.

Ein erster Spendenaufruf wurde am 30.06.1911 im „Oberschlesischem Anzeiger“ veröffentlicht. Aufgrund der zahlreich eingegangen Spenden wurde der ursprüngliche Plan, den Bismarckturm am 01.04.1915 einzuweihen, auf das Jahr 1913, das Erinnerungsjahr der Freiheitskriege, vorgezogen.

Bis Ende 1912 waren insgesamt 15.000 Mark an Spenden gesammelt worden. Aus mehreren eingereichten Entwürfen wurde vom Arbeitsausschuss einstimmig der von Stadtrat und Baumeister Georg Lüthge und Architekt Bruno Wolter erstellte Entwurf zur Ausführung ausgewählt.

Als Standort des Turmes wählte man aus dem Höhenzug zwischen Lukasine und Hohenbirken, eine 3 km östlich von Ratibor auf dem rechten Oderufer gelegene, aus dem übrigen Höhenzug vorspringende Kuppe.  

Die Gesamtbaukosten betrugen rund 18.000 Mark, die durch Spenden aufgebracht wurden.


Bauarbeiten

Der Grundstein des Turmes wurde am 30.08.1912 ohne besondere Feier gelegt, nur der Vorsitzende des Arbeitsausschusses und die beiden Architekten nahmen daran teil.

Die Ausführung der Arbeiten übernahm das Baugeschäft Georg Lüthge aus Ratibor zum Selbstkostenpreis.

Als Baumaterial verwendete man Ziegel, für die Außenflächen (Verblendung) schlesischen Granit.


Turmbeschreibung

Der 18 m hohe Aussichtsturm mit Befeuerungsvorrichtung hatte einen quadratischen Grundriss mit einer Seitenlänge von 7 m x 7 m.

Auf einem einstufigen Unterbau erhob sich der ca. 6 m hohe quadratische Sockel. Der etwa 7 m hohe Mittelschaft des Turmes besaß verstärkte Ecken und halbrund heraustretende Mittelfelder. Gekrönt wurde das Bauwerk von einem Architrav und einem einstufigen Oberbau mit Feuerschale als oberem Abschluss.

Über dem Eingang des Turmes wurde in großen Lettern die Inschrift "BISMARCK" angebracht. Auf der Rundung am Mittelschaft der Eingangsseite war in einer Vertiefung  ein preußischer Adler mit Brustschild eingearbeitet.

Über eine Innentreppe war die Aussichtsplattform mit aufgesetzter Feuerschale erreichbar.

Über vier eingefasste Stufen auf der Eingangsseite erreichte man den vorspringenden Eingangsbereich des Turmes. Nach Betreten des Einganges gelangte man in die Bismarck-Gedächtnishalle.

Die Beleuchtung der Halle erfolgte durch drei parallel angeordnete Fenster an den Seiten (außer Eingangsseite, Rückseite nicht bekannt). An den Rundungen des Mittelschafts unterhalb des Architravs waren an mindestens zwei Seiten zwei parallele Fenster eingelassen.

Die quadratische schmiedeeiserne Feuerschale, die auf vier steinernen Füßen ruhte, wurde an bestimmten Tagen mit Teer befeuert.


Turmgeschichte

An der Einweihung des Turmes am Nachmittag des 18.10.1913 (Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig) nahmen 40 Vereine und 3.000 Personen teil. Unter den Ehrengästen waren auch der Regierungspräsident von Schwerin, der General von Paczensky aus Breslau als Vertreter des Ostmarkenvereins, Oberbürgermeister Bernet und Eisenbahndirektionspräsident Steinbiß aus Kattowitz anwesend. Am Einweihungstag wurde der Schlussstein des Bismarckturmes gelegt.

Regierungsbaumeister Albach hielt eine Festrede und verlas die Schlusssteinurkunde, welche von Victor II. Amadeus Herzog von Ratibor im Namen des Ehrenausschusses und von Regierungsbaumeister Albach im Namen des Arbeitsausschusses unterzeichnet war.

Das Bauwerk ging am Einweihungstag in das Eigentum der Stadtgemeinde Ratibor über. Oberbürgermeister Bernet nahm den Turm nach einer Dankesrede in den Schutz der Stadtgemeinde.

Die städtische Gartenverwaltung pflanzte eine waldparkartige Grünanlage rund um das Bauwerk.

Nach dem 1. Weltkrieg war der Zutritt der Waldanlage mit Bismarckturm nur mit einem visierten Pass oder einer Verkehrskarte möglich.

Nach dem 3. Schlesienaufstand und einer durchgeführten Volksbefragung befand sich der Bismarckturm seit 1922 auf polnischem Gebiet. Bereits am 03.05.1923 wurde der Bismarckturm in Freiheitsturm umbenannt.

Mitte der 1920er Jahre regte der Verein der Schlesischen Aufständischen die erneute Umbenennung des Turmes in ein Boleslav-Chrobry-Denkmal an. Die Einweihung des Denkmalturmes erfolgte im November 1926. Im Erdgeschoss wurde eine Kapelle (Heilige Stanislaw-Kostka-Kapelle) eingerichtet.

Am Turm wurde eine Tafel mit Bildnis des Königs, polnischem Adler und der Inschrift (übersetzt):

"Dem Boleslav Chrobry das piastische Volk"

angebracht.

Am 10.11.1933 wurde der Turm gesprengt. Die Ruine des zersprengten Bauwerks wurde im Januar 1934 zerlegt.

Das Fundament des Turmes war im März 2004 noch erkennbar. Die Mauerreste lagen im Ortsteil Debicz im kleinen Waldgebiet der fast parallel verlaufenden Straßen Wiatrakowa und Brzeska. Auf dem dortigen 223 m über NN liegenden Hügel an der Kreuzung zweier Waldwege ruht das Fundament direkt neben der heute stillgelegten Gerberei.


Links (ehemaliger Standort)

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Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 324/325
- Seele, Sieglinde; Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von RATIBOR / Schlesien
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 139 "Bismarck-Feuersäule zu Ratibor", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Hyckel, Georg: „Der Bismarckturm“ in: Ratiborer Heimatbrief aus der Patenstadt Leverkusen, Weihnachten 1952, S. 7/8
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 9. Jahrgang 1911 (Nr. 9, S. 168); 11. Jahrgang 1913 (Nr. 2, S. 25; Nr. 11/12, S. 25)
- Schlesische Chronik: 7. Jahrgang 1913, „Der Bismarckturm bei Ratibor, S. 345/346


Bildmaterial

- Jörg Bielefeld, Remscheid (historische Ansichten)


Polnische Version  dieser Seite (Dank an Marek Moson aus Wroclaw/PL für Übersetzung)