Update: 16.06.2017

Runde Plattform auf quadratischem Turm
Der Bismarckturm in Guben

Vorbemerkung

Der Verschönerungsverein Guben plante im Jahr 1902 auf der Ulrichshöhe, der höchsten Bergspitze Gubens, einen 15 m hohen hölzernen Aussichtsturm zu errichten. Die polizeiliche Genehmigung für den Turmbau wurde nicht erteilt, da Grubenbesitzer Hugo Lehmann Gefahren für den Turm aufgrund möglicher Bodenbewegungen durch den Bergbau sah. Daraufhin wurden zunächst weitere mögliche Standorte für den geplanten Aussichtsturm gesucht.


Bauplanung

Der Buchdruckereibesitzer und Eigentümer der Gubener Zeitung, Albert Koenig aus Guben (1844-1909), regte im August 1902 an, einen Bismarckturm als Aussichtsturm auf der Spitze eines der Gubener Berge zu errichten.

Der Verschönerungsverein Guben beschloss im Frühjahr 1903, sich an diesem Turmprojekt zu beteiligen. Daraufhin wurde ein Turm-Komitee unter Vorsitz von Oberbürgermeister Paul Bollmann gebildet. Im November 1903 übergab das Vorstandsmitglied des Verschönerungsvereins, Albrecht Hefter, die bereits gesammelten Gelder für den geplanten Bau des hölzernen Aussichtsturmes (4.000 Mark) an das Bismarckturm-Komitee.

Am 24.03.1905 wurde zu einer Besprechung über das Turmprojekt eingeladen, bei diesem Termin wurde ein geschäftsführender Ausschuss unter Vorsitz von Oberbürgermeister Paul Bollmann gebildet. Als stellvertretender Vorsitzender wurde Stadtrat Karl Köhler (Vorsitzender des Verschönerungsvereins) und als Schatzmeister Fabrikbesitzer Richard Schlief gewählt. Bei dieser Versammlung wurde über Form und Funktion des Bauwerkes diskutiert, wobei der Verschönerungsverein angab, die 4.000 Mark wieder zurückzuziehen, wenn der Bismarckturm nicht auch als Aussichtsturm errichtet würde.

Am 01.04.1905 wurde ein offizieller Aufruf erlassen, um die Geldmittel für den geplanten Turm zusammenzubekommen. Die Baukosten wurden auf 18.000 – 20.000 Mark geschätzt.

Die ersten Spenden trafen zeitnah ein, der Gartenbauverein spendete am 05.04.1905 50 Mark, am 24.05.1905 stiftete der deutsch-österreichische Alpenverein 100 Mark, der zudem die Ulrichshöhe als möglichen Turmstandort vorschlug.

Zur Bestimmung des idealen Turmstandortes und um die Fernwirkung zu testen, wurden im November 1905 auf vier verschiedenen Berggipfeln in Guben Fahnenstangen aufgestellt. Eine kurzfristige Entscheidung für einen Turmstandort konnte nicht getroffen werden.

Bei einer Sitzung des Gesamtausschusses am 05.01.1906 wurde entschieden, dem Komitee den Bäros-Berg als Turmstandort vorzuschlagen. Am 13.01.1906 fand die von Oberbürgermeister Bollmann einberufene Sitzung des Gesamtausschusses statt, bei der sich der Standort Bäros-Berg nach langer Diskussion mit 19 von 34 Stimmen durchsetzte. Der Erwerb der notwendigen Baugrundstücke des gewählten Standortes wurde mit 3.000 Mark veranschlagt.

Der Bauentwurf des geplanten Bismarckturmes in Guben sollte durch eine öffentliche Ausschreibung unter den deutschen Architekten gegen Honorierung der ersten drei Entwürfe erzielt werden. Die Baukosten bei diesem Wettbewerb (bis 31.05.1906) sollten 25.000 Mark nicht überschreiten.

Ende Januar 1906 wurde um weitere Geldspenden gebeten. Bei der öffentlichen Aufführung eines Festspiels am 19.02.1906 durch den Verein für Spiel, Sport und Turnen kamen 150 Mark für den Turmbau zusammen. Am 03.04.1906 fand zum Besten des Bismarckturms ein literarischer Abend im Stadttheater statt.

Innerhalb kurzer Zeit wurden insgesamt 30.000 Mark für das Turmprojekt gespendet.

Bis zum 31.05.1906 gingen insgesamt 160 Turm-Entwürfe beim Oberbürgermeister ein. Das Preisrichter-Kollegium (Kreisbauinspektor Dewald aus Guben, Stadtbaurat Hoffmann aus Berlin, Landesbauinspektor Koch aus Frankfurt/Oder) prämierte am 16.06.1906 die besten drei Entwürfe: den Entwurf „Ehrenschuld“ von Oberlehrer Michel der Baugewerksschule Frankfurt/Oder; den Entwurf „Märkische Ehre“ von Architekt Beyer aus Berlin-Schöneberg und den Entwurf „Stein“ von Architekt Thurm aus Braunschweig. Alle drei Entwürfe wurden mit 250 Mark ausgezeichnet und anschließend im Stadtverordneten-Sitzungssaal für die Öffentlichkeit ausgestellt.

Das Komitee entschied sich am 30.06.1906 für den Entwurf des Architekten Fritz Beyer aus Schöneberg bei Berlin, der geschäftsführende Ausschuss wurde nach der Wahl mit den weiteren Aufgaben zwecks Errichtung des Turmes betraut. Die Bauarbeiten wurden kurz darauf ausgeschrieben.

Die Gesamtkosten für den Turmbau betrugen ca. 50.000 Mark (nach anderer Quelle 40.000 Mark). Das Honorar für den Architekten Beyer betrug 1.000 Mark.


Bauarbeiten

Bereits vor der Wahl des endgültigen Entwurfs wurde am 19.04.1906 mit der Anlegung der Zufahrtswege zum Bauplatz begonnen. Mitte Mai 1906 war der Zufahrtsweg hergestellt und nach beiden Seiten abgezäunt.

Die Bauarbeiten wurden von Maurermeister Bruno Schneider aus Guben ausgeführt, der bei der Ausschreibung der Arbeiten den Zuschlag erhalten hatte.

Als Baumaterial für den Turm wurden sächsischer Granit für den Turmsockel sowie märkische Backsteine als Verblendmaterial für den Mittelschaft des Turmes und Teile des Turmkopfs verwendet.

Im August 1907 konnten alle Arbeiten abgeschlossen werden.


Turmbeschreibung

Der 26,70 m hohe Aussichtsturm mit Befeuerungseinrichtung hatte als Basis einen 10 m hohen quadratischen Sockel mit einer Grundfläche von 12 m x 12 m.

Über eine breite eingefasste Steintreppe mit acht Stufen erreichte man den erhöht liegenden Eingangsbereich auf der Eingangsseite des Turmes. Über dem rundbogenartigen Eingangsportal des Turmes wurden im dreieckigen Giebelfeld ein Bismarck-Wappen und (darunter) die Inschrift "BISMARCK" angebracht.

Oberhalb des Sockels erhob sich, optisch getrennt durch zwei Stufen, der viereckige Turmschaft, der mit märkischen Backsteinen verblendet (und dem Stil der Stadtkirche angepasst) war. Der Turmschaft verjüngte sich leicht nach oben und schloss mit einer runden Aussichtsplattform ab, die an den vier Ecken des Turmes durch runde, einfach abgestufte Pfeiler eingefasst wurde. Die runde Aussichtsplattform mit Brüstung wurde von vier breiten Strebebögen überbaut, auf die die runde Feuerschale aus märkischem Backsteinen aufgesetzt war.  

Die Aussichtsplattform des Turmes war über Innentreppen erreichbar.


Turmgeschichte

Am 02.09.1908 (Sedantag) ab 16:00 Uhr wurde die feierliche Einweihung des Turmes durchgeführt. Als geladene Ehrengäste waren u.a. der ehemalige Landrat und Ehrenbürger der Stadt Guben, Prinz Heinrich zu Schoenaich-Carolath (1852-1920) mit Ehefrau sowie Architekt Fritz Beyer anwesend. Die Fest- und die Weiherede hielt Oberbürgermeister Paul Bollmann und übergab den Turm im Namen des Ausschusses an Bürgermeister Sachse als Vertreter der Stadt Guben. Um 20:00 Uhr wurde  ein Holzstoß auf dem Turm entzündet, eine Besteigung des Bauwerkes war am Einweihungstag nicht möglich. Der Abschluss der Einweihungsfeier war ein allgemeiner Kommers auf Sanssouci.

Der Bismarckturm wurde erstmals am 03.09.1908 um 14:00 Uhr für das Publikum geöffnet. An den Folgetagen wurde das Bauwerk täglich von 09:00 bis 12:00 Uhr geöffnet, der Eintrittspreis betrug 10 Pfennig. Am 06.09.1908 fand ein Promenadenkonzert vor dem Bismarckturm statt, das Bauwerk wurde an diesem Tag von 462 Besuchern bestiegen. Innerhalb der ersten Woche wurden über 1.000 Personen auf dem Turm gezählt. Die Öffnungszeiten wurden bis Ende September 1908 durch nachmittägliche Öffnungen von 14:00 bis 18:00 Uhr erweitert, im Oktober 1908 nur nachmittags von 14:00 bis 17:00 Uhr.

Da die Gesamtkosten des Bismarckturmes im Herbst 1908 noch nicht vollständig beglichen waren, wurden in den Folgejahren Veranstaltungen und Aktionen zum Besten des Bismarckturmes durchgeführt, wie z.B. am 22.10.1908 eine Kriegerverein-Aufführung und am 03.04.1909 eine Theater-Vorstellung im Stadttheater. Das Haus- und Grundbesitzer-Verein spendete Ende April 1909 insgesamt 400 Mark aus Vereinsmitteln.

Bei der Generalversammlung des Verkehrsvereins am 18.01.1909 wurde beschlossen, eine Ansichtskarte mit der Abbildung des Bismarckturmes anfertigen zu lassen, einige Bänke am Turm aufzustellen und die Umgebung des Turmes zu verschönern.

Am 01.04.1909 wurde das Bauwerk erneut befeuert, im gleichen Monat wurde ein Teleskop-Automat auf der Plattform angebracht (Kosten: 10 Pfennig für 5-6 Minuten Sicht). Während der Gubener Baumblüte wurde der Turm wochentags von 07:00 bis 11:00 Uhr und nachmittags ab 15:00 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit geöffnet.

Zur Gubener Obstblüte im Mai 1909 stiftete der Verein der Gubener in Berlin ein Bismarckbild zwecks Ausschmückung des Turmes. Das Bild, welches am 13.06.1909 im Treppenhaus aufgehängt wurde, wurde zuvor von den Stadträten Taeger und Schlief entgegengenommen. Es trug die Widmung:

Zur Erinnerung an den ersten Berliner Extrazug zum 9. Mai 1909 zur Baumblüte nach Guben für die Bismarckwarte gewidmet vom Verein der Gubener in Berlin. Bernh. Koch, 1. Vors.  Willi Späth, 2. Vors.  Hermann Franke, Schatzmeister. Paul Böhme, Schriftführer. Paul Klinke. Otto Gregoleit.

Bis zum Frühsommer 1909 wurde der Bismarckturm von 15.000 Personen bestiegen.

Am 13.06.1909 wurde ein Promenadenkonzert am Bauwerk abgehalten.

In den Folgejahren wurde die Umgebung des Turmes verschönert.

Jeweils am 01.04. jedes Jahres wurde das Feuer auf dem Turmkopf entzündet, zuletzt am 01.04.1913 wurden von den Turnvereinen vaterländische Feiern mit Fackelzug zum Bismarckturm durchgeführt. Auch zum 100 Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1913 wurde das Bauwerk beflammt.  Am 01.04.1914 begingen mehrere Gubener Vereine eine Feier am Turm. Im gleichen Jahr war das Bauwerk nur nachmittags geöffnet,  beim Türmer (wohnhaft Eineckstraße 5) konnten aber auch andere Termine vereinbart werden. Der Eintrittspreis betrug 10 Pfennig.

Erneut wurde im Jahr 1915 zum 01.04. eine Bismarckfeier begangen und das Turmfeuer entzündet. Im September 1915 wurde in der Stadtverordneten-Versammlung die Sanierung des Turmdaches beschlossen. Am 04.12.1915 wurde in der Stadtverordneten-Versammlung ein Betrag von 205 Mark für Reparaturarbeiten bewilligt.

Der Turm wurde im März 1945 von der deutschen Wehrmacht gesprengt.

Einzelne Steine des Turmes lagen im Jahr 2005 immer noch am ehemaligen Standort verstreut.


Links (ehemaliger Standort)

Google Maps

Google Earth


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 179-180
- Seele, Sieglinde; Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von GUBEN / Brandenburg
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 152 "Bismarck-Feuersäule zu Guben", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 1. Jahrgang 1903 (Nr. 5, S. 8), 3. Jahrgang 1905 (Nr. 8, S. 9; Nr. 11, S. 11), 4. Jahrgang 1906 (Nr. 1, S. 13; Nr. 2, S. 28; Nr. 4, S. 59, Nr. 7/8, S. 112), 5. Jahrgang 1907 (Nr. 12, S. 215/216); 6. Jahrgang 1908 (Nr. 9, S. 146/147; Nr. 11/12, S. 203/204), 7. Jahrgang  1909 (Nr. 7/8, S. 126/127)
- Zentralblatt der Bauverwaltung, Nr. 24/1906, S. 155; Nr. 55/1906, S. 353


Bildmaterial

- Jörg Bielefeld, Remscheid (historische Bilder)
- Artur Lenart (Fotos Juli 2004)
- Ralf Löhder (Fotos und Bildmontage 2006)


Polnische Version dieser Seite (Dank an Marek Moson aus Wroclaw/PL für Übersetzung)
Foto ehemaliger Standort Bismarckturm Bäros Berg Juli 2004, Foto: Artur Lenart Foto ehemaliger Standort Bismarckturm, Steinreste 2006, Foto: Ralf Löhder