Update: 16.10.2017

1,5 Tonnen Mörtel zum 100. Jubiläum
Die Bismarcksäule in Viersen

Bauplanung

Angeregt wurde der Bau dieser Bismarcksäule von patriotisch eingestellten Viersener Bürgern im Anschluss an eine Feier des Kaisergeburtstages in Viersen am 27.01.1899. An diesem Tag wurden spontan Beiträge für eine Bismarcksäule gezeichnet.

Am 06.02.1899 bildete sich aus diesen 24 Bürgern ein „Vorläufiger Ausschuss zur Errichtung eines Bismarckturmes in Viersen“ unter Vorsitz von Amtsrichter Dr. Christian Johnen.

Bereits am 07.02.1899 wurde vom Vorläufigen Ausschuss ein offizieller Spendenaufruf an die Bürgerschaft zwecks Bau einer Kreis‘schen Bismarcksäule verfasst.

Der katholische Pfarrer Lorenz Richen aus (Viersen-)Bockert hielt am 19.02.1899 auf einer öffentlichen Versammlung eine Rede gegen Bismarck als „Bedrücker der katholischen Kirche“ und somit gegen den Bau einer Bismarcksäule in Viersen. Lorenz Richen kritisierte das geplante Bauwerk als „Brandopferaltar für Neu-Wuotan Bismarck“.
Aufgrund dieser Rede kam es zu einem Streit zwischen den Denkmalbefürwortern und den Gegnern in der lokalen Presse (bis zur Turm-Einweihung wurde zwischen den Befürwortern und Gegner weiter heftig gestritten).

Pfarrer Lorenz Richen wurde durch „die agitatorische Art“ seines Auftretens am 28.03.1899 vom Kultusministerium als Ortsschulinspektor entlassen.

Als Standort für die Säule wurde der "Hohe Busch" (höchster Punkt Viersens mit 84,94 m über NN) auf der Wilhelmshöhe bestimmt.

Bereits im Juli 1899 war eine Straße bis zum Bauplatz auf dem Hohen Busch fertiggestellt.

Der von der Studentenschaft preisgekrönte Entwurf "Götterdämmerung" von Wilhelm Kreis wurde am 15.08.1899 eingehend auf Ausführbarkeit in Viersen überprüft. Nach einer Besprechung mit Wilhelm Kreis einigte man sich auf dessen Entwurf, der mit Genehmigung des Architekten Kreis in einer etwas schlankeren Form als Aussichtsturm ausgeführt werden sollte. Wilhelm Kreis überarbeitete seinen ursprünglichen Entwurf daraufhin.

Im September 1899 war das Bauplatz-Grundstück angekauft worden. Mit einer Fahnenstange mit Flagge und kurz darauf mit einem hölzernen Gerüst wurde im Oktober 1899 die Sichtwirkung überprüft.

Am 03.11.1899 trafen sich alle Spender der Bismarcksäule. Ausschussvorsitzender Dr. Johnen informierte alle Teilnehmer über die Entwurfsausführung in Viersen. Die Gestaltung der Aussichtsplattform sowie das Steinmaterial für die Außenverkleidung (wetterbeständige Grauwacke aus dem Wiehltal) wurden beschlossen. Dr. Johnen gab bekannt, dass bisher 19.202 Mark für den Bau gesammelt worden waren.

Nach Überarbeitung des Entwurfes von Wilhelm Kreis wurde am 19.04.1900 der Tag der Grundsteinlegung (30.07.1900) und die Anbringung eines Bismarck-Reliefs beschlossen.

Durch freiwillige Spenden war die Bauausführung schnell gesichert.

Insgesamt wurden 37.798,84 Mark für den Turm gespendet, von denen 32.554,10 Mark für den Turmbau ausgegeben wurden. Der Überschuss von 5.244,74 Mark sollte für die Unterhaltung des Bauwerks und die jährlichen Befeuerungen verwendet werden.


Bauarbeiten und Grundsteinlegung

Die Bauleitung oblag dem Viersener Baugewerksmeister Karl Schnitzler. Als Material für den Turmbau wurde Grauwacke aus dem Wiehltal verwendet, die man zu Quadern verarbeitete.

Die Erdarbeiten für den Bau starteten am 01.05.1900, genau einen Monat später begannen die Bauarbeiten.

An der Grundsteinlegung am 30.07.1900 (Bismarcks 5. Todestag) nahmen mehrere Tausend Personen teil. Ein Festzug von etwa 400 Personen setzte sich um 19:00 Uhr vom Hotel Kaiserhof (Inhaber: J. Dickob, Kasinostraße 21, Viersen) in Richtung Bismarckturm unter den Klängen einer Kapelle in Bewegung.

Bei einer Baustellenbesichtigung am 31.05.1901 wurde festgestellt, dass die Arbeiten zufriedenstellend verlaufen waren und dass der geplante Einweihungstermin am 23.06.1901 eingehalten werden könne.


Einweihung

Am 23.06.1901 konnte die Vollendung der Bismarcksäule als Aussichtsturm mit Feuerschale gefeiert werden. Ein Festzug von ca. 1.000 Teilnehmern (Presseangaben) zog um 16:30 Uhr von der Kasinostraße aus unter den Klängen einer Militärkapelle in Richtung Bismarckturm. Nach der Eröffnungsrede und der Weiherede konnte bei einbrechender Dunkelheit die erste Befeuerung des 18,22 m hohen Turmes erfolgen.

Die Bismarcksäule wurde im Jahr 1902 Eigentum des Viersener Bismarck-Bundes e.V.


Baubeschreibung

Als Basis des 18,22 m hohen Turmes, welcher teilweise aus Schichtmauerwerk (Grauwackenbossenquadern) errichtet worden ist, dient ein dreistufiges quadratisches Podest.

Die untere Podeststufe ist 12,50 m x 12,50 m, die zweite Stufe 10,50 m x 10,50 m und die dritte Stufe 8,50 m x 8,50 m breit. Alle Podeststufen haben eine Höhe von 1 m.

Darauf erhebt sich der zwei Meter hohe quadratische Turmsockel mit einer Kantenlänge von 5,50 m x 5,50 m.

Die vier Kanten des Schaftes bestehen - wie bei dem Entwurf "Götterdämmerung" typisch - aus Dreiviertelsäulen (Durchmesser je 1,80 m), die von einem Architrav mit zweistufigem Oberbau zusammengehalten werden.

Auf der Westseite führt eine 12-stufige Treppe mit 1,50 m Breite zum Eingangsbereich.

Über eine steile Eisentreppe mit 60 Stufen und vier Podesten ist die Aussichtsplattform erreichbar.

Um die Turmbrüstung waren acht (nach anderen Angaben zwölf) 0,30 m breite und 0,20 m tiefe abnehmbare Eisenblechpfannen an Eisenstangen angebracht, die in der Brüstungsmauer eingelassen waren (Befeuerung durch Kieselgur, das mit 35 Litern Petroleum und 10 Litern Naphthalin getränkt war). Die Brenndauer betrug bei einer Flammenhöhe von 4-5 m ca. zwei Stunden.

Auf der Eingangstür an der Westseite war ein farbiges Bismarck-Wappen mit der Inschrift

"IN/TRINITATE/ ROBUR",

gefertigt von Bildhauer Joseph Kleesattel aus Düsseldorf und ausgeführt von Kunstschlosser Kox aus Viersen, angebracht.

An der Ostseite des Säulenschaftes wurde in 9 m Höhe eine helle Granitplatte von 1,25 m Breite und 2,38 m Höhe ein bronzenes Bismarck-Relief mit der Inschrift

"BISMARCK",

modelliert von Bildhauer Arnold Künne aus Berlin und hergestellt in der Erz- und Kunstgießerei von Schäffer & Walker in Berlin, angebracht.


Turmgeschichte

Trotz Protesten von ultramontan gesinnten Bürgern wurde am 01.04.1902 eine Bismarckfeier am Turm abgehalten. Gegen 21:00 Uhr wurde die Feuerschale entzündet und der Turm zusätzlich mit rotem bengalischen Licht erhellt. Gleichzeitig setzte sich ein Festzug vom Hohen Busch in Richtung Turm in Bewegung. Kurz darauf hielt Amtsrichter Johnen eine Ansprache am Bismarckturm.

Am 21.03.1902 fand eine Veranstaltung des Komitees zur Errichtung einer Bismarcksäule in Viersen im Hotel Lennartz statt. Die Anwesenden gründeten den Viersener Bismarckbund, anschließend wurde die erste Generalversammlung des Bundes abgehalten. Zweck dieses Vereins war u.a. die Pflege und Unterhaltung der Bismarcksäule auf dem Hohen Busch. Als Vorsitzender wurde Amtsrichter Dr. Johnen, als Schriftführer Bürgermeister Stern und als Schatzmeister Ewald Corty gewählt. Der Verein „Bismarckbund zu Viersen e.V.“ wurde am 19.04.1902 in das Vereinsregister eingetragen.

Am 01.04.1902 nach 20:00 Uhr erfolgte die Befeuerung der Säule durch Mitglieder des Viersener Bismarckbundes. Weitere Befeuerungen im Rahmen einer Bismarckfeier wurden in den Folgejahren (bis 1915) jeweils am 01.04. durchgeführt.

Zu Bismarcks 90. Geburtstag, am 01.04.1905, war die Säule erneut Mittelpunkt einer Feier. Bürgermeister Stern hielt vor der befeuerten Säule, die wiederum zusätzlich mit bengalischem Licht beleuchtet wurde, die Festrede.

Vom 01.07.1901 bis zum 01.04.1906 wurde das Bauwerk von 15.785 zahlenden Besuchern bestiegen.

Bei der Jahresmitgliederversammlung des Bismarck-Bundes im März 1911 wurde den Anwesenden mitgeteilt, dass der Turm im Jahr 1910 von 3.328 zahlenden Besuchern sowie 2.532 Schülern mit ihren Lehrern bestiegen worden war.

Eine weitere Veranstaltung des Bismarck-Bundes am befeuerten Turm fand am 01.04.1911 statt. Neben Musikvorträgen und einer Rede von Bürgermeister Stern wurde ein Festzug zum Turm durchgeführt.

Im Jahr 1911 wurde der Turm von 2.780, im Jahr 1912 von 3.150 zahlenden Besuchern bestiegen.

Am 01.04.1916 wurde das Bauwerk ohne die übliche Bismarckfeier befeuert. Die Besucherzahlen betrugen 1916 insgesamt 3.375, im Jahr 1917 rund 5.000 und im Jahr 1918 4780 (jeweils inkl. Kinder/Schüler).

In den Jahren 1919 bis 1921 fanden keine Bismarckfeiern statt. Im Jahr 1921 bestiegen 7.000 Besucher den Bismarckturm. Am 01.04.1922 wurde anlässlich des zwanzigjährigen Bestehens ein Familienabend des Viersener Bismarckbundes durchgeführt.

Zum 25. Jahrestag der Einweihung der Bismarcksäule fand im Jahr 1926 eine größere Feier statt. Auf dieser Feier wurden Senatspräsident Dr. Johnen und der Heimatdichter Aurel von Jüchen zu Ehrenmitgliedern des Viersener Bismarckbundes ernannt.

Im Jahr 1927 und im Jahr 1930 wurde die Bismarcksäule anlässlich Bismarcks Geburtstag befeuert.

Eine Bismarckkundgebung mit anschließendem Marsch zur Bismarcksäule wurde 1933 veranstaltet, zu der diesmal nicht der Bismarckbund aufrief, sondern die Stadt Viersen. Teilnehmern waren NSDAP, Kreiskriegerverband und andere nationale Institutionen.

Der örtliche Verschönerungsverein nutzte den Innenraum des Turmes nach dem Zweiten Weltkrieg als Lagerraum.

Am 15.06.1948 trafen sich die verbliebenden Mitglieder des Viersener Bismarckbundes. Aufgrund einer Verordnung der Alliierten musste der Verein umbenannt werden. Der Name wurde in „Verein zur Erhaltung der Bismarcksäule in Viersen e.V.“ abgeändert.

Im Jahr 1951 hatte der Verein noch 23 Mitglieder. Aufgrund von Turm-Schäden wurden in gleichen Jahr Sanierungsarbeiten durchgeführt.

2.364 Personen bestiegen das Bauwerk im Jahr 1955.

Am 01.03.1962 erklärte der Verein, dass die finanziellen Mittel völlig erschöpft sind. Das Gartenamt schlug daraufhin vor, dass der örtliche Verschönerungsverein Turm und Grundstück übernehmen könnte. Die restlichen Mitglieder des Bismarcksäulenvereins, die teilweise auch Mitglieder des Verschönerungsvereins waren, stimmten der Eigentums-Übertragung an den Verschönerungsverein zu.

Am 05.02.1963 wurde der „Verein zur Erhaltung der Bismarcksäule Viersen e.V.“ aufgelöst. Die anfallenden Sanierungsarbeiten in Höhe von mindestens 4.500 DM konnten durch die Mitgliedsbeiträge der wenigen Mitgliedern nicht finanziert werden.

Am 08.03.1963 übernahm der Viersener Verschönerungsverein e.V. Turm und Grundstück mit der Auflage, dass die Stadt Viersen die zukünftigen Renovierungs- und Unterhaltungskosten übernimmt. Der Rat der Stadt Viersen erklärte sich im Juli 1964 mit diesen Bedingungen einverstanden. Die Eigentumsübertragung erfolgte am 15.10.1964.

Der örtliche Verschönerungsverein sorgte ab sofort dafür, dass das Bauwerk tagsüber unentgeltlich für Besucher geöffnet wurde.

Bis Ende der 1970er Jahre wurde das Bauwerk als Aussichtsturm benutzt. Aus versicherungstechnischen Gründen (Aufsicht wurde erforderlich) war das Betreten des Bismarckturmes danach vorerst nicht mehr möglich.

Am 06.11.1990 wurde der Bismarckturm Viersen in die Denkmalliste aufgenommen.

Im Jahr 1992 wurden kleinere Sanierungsarbeiten durchgeführt, um das Bauwerk winterfest zu machen.

Ein Konzept zur Sanierung wurde im Jahr 1994 entwickelt. Da die Plattform undicht war, gelangte Wasser ins Innere des Denkmals. Eine Neuverfugung sowie ein Abnehmen der Brüstung, die neu zusammengebaut werden sollte, wurde dringend notwendig.

Die Umsetzung dieses Konzeptes konnte aus finanziellen Gründen erst im Jahr 2001 für 370.000 Mark durchgeführt werden. Die Kosten wurden über einen Landeszuschuss, die Bürgerstiftung der Stadtsparkasse und die Stadt Viersen aufgebracht. Der bröckelnde Zementmörtel zwischen den Fugen des Bismarckturmes wurde durch 1,5 Tonnen schweren Trass-Mörtel ersetzt. Die verrostete Treppe wurde im Rahmen der Sanierung ersetzt.

Im Frühjahr 2005 verfassten Schüler des Leistungskurses Geschichte (Städtisches Gymnasium Dülken) unter Leitung des StD Gunnar Schirrmacher eine informative Broschüre zum Viersener Bismarckturm (Link PDF-Datei).

Ab 2006 wurde der Bismarckturm von den Funkamateuren DARC e.V. OV R02 Grenzland in 41748 Viersen betreut und für ein paar Jahre für Besucher zugänglich gemacht. Teile der oberen Brüstung und die metallene Eingangstür wurden nach 2006 entwendet. Die neue Außentür wurde daraufhin verschweißt. Seitdem ist das Bauwerk verschlossen.

Im Jahr 2010 wurde der Bereich "Hoher Busch" durch vielfältige Maßnahmen (Nordic-Walking-Parcours, Bau einer Mountainbike-Strecke, einheitliche Beschilderung usw.) touristisch aufgewertet.

Im Oktober 2017 plant der "Verein für Heimatpflege e.V. Viersen", den Bismarckturm zu sanieren und regelmäßig für Besucher zugänglich zu machen.


Öffnungen:

Turm ist dauerhaft verschlossen (Stand: Oktober 2017).


Links

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Quellen

- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCKTURM von VIERSEN (Nordrhein-Westfalen)
- Seele, Sieglinde:
Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 394
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903: 2. Teil, "Die Bismarck-Säule (Architekt Kreis) in Viersen"
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 43 "Bismarck-Feuersäule zu Viersen", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes; 4. Jahrgang 1906 (Nr. 7/8, S. 114), 5. Jahrgang 1907 (Beilage: "Die Bismarck-Feiersäule"), 9. Jahrgang 1911 (Nr. 7, S. 135), 11. Jahrgang 1913, Nr. 4, S. 59
- Kleinmanns, Joachim: Rheinische Aussichtstürme des 19. und 20. Jahrhunderts, Dissertation Aachen 1986, S. 261/262
- Schirrmacher, Gunnar: Der Bismarckturm in Viersen - "eine hochpolitische Angelegenheit", Verein für Heimatpflege e.V. Viersen (Viersen - Beiträge zu einer Stadt 43), 2017


Fotografen

- Werner Kemmer, Bonn (November 2004)
- Jörg Bielefeld, Remscheid (2002)
- Thomas Albustin (Mai 2005)
- Ralph Männchen, Dresden (Juni 2017)