Update: 15.06.2017

Stiftung mit elektrischer "Feuerschale"
Der Bismarckturm in Mülheim/Ruhr

Vorbemerkung

Der auf dem Kahlenberg (76 m über NN) in Mülheim/Ruhr errichtete Bismarckturm war der einzige, der zwecks Befeuerung mit einem „elektrischen Beleuchtungskörper“ versehen worden war.


Bauplanung

Dem Aufruf der deutschen Studentenschaft zur Errichtung von Bismarcksäulen folgten auch die Mülheimer Bürger. Bereits im Jahr 1900 war der Bau eines Bismarckturmes in Mülheim geplant, ein Komitee wurde gegründet. Stellvertretender Vorsitzender des Komitees war Gerichtsrat Oertmann. Von den für den Bau veranschlagten 25.000 Mark konnten jedoch bis 1902 nur 11.000 Mark an Spenden von den Mülheimer Bürgern gesammelt werden.

Daraufhin ruhte das Projekt, bis Margarethe Leonhardt (ehemalige Mülheimerin) im Jahre 1906, kurz nach dem Tod ihres Mannes Dr. Hermann Leonhardt, die Bausumme für den Turm stiftete (Baukosten ohne Grundstück 60.000 Mark, dazu 15.000 Mark für eine Bismarckbüste im Turm sowie zwei Feueraltäre). Das Ehepaar Leonhardt hatte nach dem Tod ihrer Tochter im Jahr 1903 ihr Vermögen in Stiftungen eingebracht und finanzierte damit u.a. einige Bauwerke in Mülheim (Augenheilanstalt am Hingsberg, Lesesaal und Stadtbücherei). Nach dem Tod von Dr. Hermann Leonhardt im Jahr 1905 wurde sein Neffe, Kommerzienrat Dr. Gerhard Küchen, mit der Betreuung des Projektes beauftragt.

Bis Frühjahr 1906 waren alle Baupläne ausgearbeitet und die Baupläne wurden von der Witwe genehmigt. Im Jahr 1907 bewilligten die Stadtverordneten 26.000 Mark für die Erschließung des Kahlenbergs, auf dem der Bismarckturm mit Anlagen errichtet werden sollte.

Dr. Gerhard Küchen hatte – nach Überprüfung der Fernsicht mit Oberbürgermeister Dr. Lembke auf einer ausgezogenen Feuerwehrleiter - als idealen Standort des Turmes den Kahlenberg (Gem. Holthausen, Flur 14, Parzelle 72) im Stadtteil Menden ausgewählt.

Am 01.04.1908 wurden alle vormaligen Spender zu einer Versammlung im Parkhotel  eingeladen. Die 22 Herren, u.a. Amtsgerichtsrat Oertmann, Pfarrer Dr. Richter und O.H. Denkhaus bildeten den „Ausschuss Bismarcksäule“ unter Vorsitz  von Dr. Gerhard Küchen, welcher in einer weiteren Versammlung die Verwendung der bisher gesammelten Spendengelder bestimmen sollte. Ursprünglich war auch die Grundsteinlegung auf dem 01.04.1908 terminiert worden, wurde aber auf den 30.07.1908 (10. Todestag Bismarcks) verlegt. Letztendlich wurde der Grundstein erst am So., 02.08.1908 gelegt.

Die bisher gesammelten Spendengelder vom Bismarckturm-Komitee seit 1900 (incl. Zinsen waren das im Jahr 1908 insgesamt 15.000 Mark) wurden vom „Ausschuss Bismarcksäule“ für die Errichtung der „altdeutschen Feuerstätten“ und der Bismarckbüste in der Gedächtnishalle verwendet.

Bauherr des Turmes war die Stadt Mülheim, der Entwurf des Turmes stammt von Baudezernent Carl Linnemann aus Mülheim.


Bauarbeiten

Der Bau des Turmes als Eisenbetonmauerwerk wurde von der Fa. Rudolphi aus Mülheim ausgeführt.

Als Baumaterial verwendete man Ruhrsandstein. Für die Tür- und Fensterumrahmungen, die Eckquadern und das Gesims wurde, um diese optisch hervorzuheben, blaue Niedermendiger Basaltlava verwendet. Das Bauwerk wurde mit insgesamt 350 m² Ruhrkohlensandstein verkleidet.

Die feierliche Grundsteinlegung wurde am 02.08.1908 um 15:30 Uhr im Rahmen einer „Nationalen Gedenkfeier“ durchgeführt. Neben der Kriegerkameradschaft nahmen alle patriotischen Vereine Mülheims an der Grundsteinlegung teil. Ein Telegramm von Frau Dr. Leonhardt wurde in den Grundstein eingefügt. An dem anschließenden Fest-Bankett im Kahlenberg-Restaurant nahmen 1.500 Personen teil.

Der Rohbau des Turmes war Anfang Februar 1909 fertiggestellt.


Turmbeschreibung

Der 27,50 m hohe Bismarckturm als Aussichtsturm mit (ehemals) elektrischer Befeuerungsvorrichtung hat einen quadratischen Grundriss (9,20 m x 9,20 m) mit einem rückseitigen, östlich gelegenen Rechteckanbau (7,20 m x 2,50 m). Der Turm verjüngt sich bis zum Rundbogenfries in 19 m Höhe in leicht konkaver Kurve auf 5,60 m x 5,60 m.

Der Turmeingang im Westen ist über eine steinerne Treppe mit fünf Stufen erreichbar. Das 1,60 m x 2,80 m hohe Eingangsportal liegt 0,90 m über dem Terrain. Das Portal ist gerahmt und ist mit einem Basaltgiebel gekrönt.

Durch das Portal gelangt man in die kreuzgewölbte Gedächtnishalle. Der quadratische Raum (5,80 m x 5,80 m) verfügt in den Ecken über Rundpfeiler mit Würfelkapitellen. Über die im Anbau gelegene Treppe ist das 1. OG erreichbar. Die Treppe mit insgesamt 96 Stufen verläuft ab dem 1. OG im Turmschaft, über die man den Aussichtsumgang in der 6. Etage (in 21,40 m Höhe) erreichen kann.

Auf dem Anbau in der 2. Etage ist eine Terrasse mit Zinnenbrüstung und Rundbogenfries, auf der Vorderseite des Turmes ist in gleicher Höhe ein 1,20 m x 2,70 m großer Rednerbalkon angelegt.

In Höhe von 5,70 m ist ein 1,30 m hohes Gesims vorhanden, welches das Erdgeschoss vom 1. Obergeschoss abtrennt.

Im Erdgeschoss sowie im 2. Obergeschoss sind seitlich basaltgerahmte Zwillingsfenster eingelassen. Im 4. Obergeschoss sind auf jeder Seite rundbogige Zwillingsfenster vorhanden, die basaltgerahmt sind und hervorgehobene Kämpfer- und Schlusssteine besitzen.

Die Aussichtsetage kragt über den Rundbogenfries aus (6,80 m x 6,80 m). Die Zinnenbrüstung ist wie die untere Terrasse mit abgeschrägten Deckplatten aus Basaltwerkstein versehen. Auf dem laternenförmigen Aufsatz mit quadratischem Grundriss (4 m x 4 m) wurde auf dem dreistufigen Abschluss eine 1,50 m hohe elektrische Beleuchtungsanlage angebracht (Gesamthöhe des Turmes mit elektrischer Beleuchtungsanlage: 29 m).

Auf der Westseite in Höhe des 3. Obergeschosses wurde ein Reichsadlerrelief (2,25 m x 3,25 m), gefertigt von Bildhauer Arnold Künne aus Berlin, angebracht. Arnold Künne fertigte zudem eine 2,50 m hohe Bismarckbüste aus Muschelkalkstein, welche am 09.12.1910 in der Gedächtnishalle auf einem viereckigen Postament aufgestellt wurde.

10,50 m vor dem Turm wurden zwei Feueraltäre (5 m x 3 m groß, aus Sandsteinblöcken gefertigt) im Abstand von 25 Metern aufgestellt.

Eine Besonderheit dieses Turmes ist der Verzicht auf eine Feuerschale zugunsten einer elektrischen Beleuchtungsanlage in Form von acht Bogenlampen.

In den Lokalzeitungen wurde die elektrische Beleuchtung heftig kritisiert. Vorteil der Flammen sei (so ein Patriot) "ihre Eigenbeweglichkeit, ihr Leben, und zwar ein Leben in den edelsten Linien und Formen und im herrlichsten Miteinander von heller und dunkler".


Turmgeschichte

Die feierliche Einweihung des Turmes fand unter großer Beteiligung der Bevölkerung, der Mülheimer Vereine sowie der der Spitzen der Militär- und Zivil-Behörden, am 01.04.1909 statt. Baudezernent und Beigeordneter Linnemann hielt eine Ansprache und übergab Dr. Gerhard Küchen den Turmschlüssel. Dr. Küchen, Vorsitzender des „Ausschusses Bismarcksäule“, überreichte Oberbürgermeister Dr. Lembke den Schlüssel des Turmes. Dieser übernahm das Bauwerk in den Schutz der Stadt.

Die elektrische Beleuchtungsanlage, acht große Bogenlampen, wurde am Tag der Einweihung erstmals in Betrieb genommen, zudem wurde ein Feuer am Fuße des Turmes entzündet [die Feueraltäre wurden erst zwei Jahr später eingeweiht].

Der Turm wurde nach der Einweihung als Aussichtsturm und Mittelpunkt für patriotische Gedenkfeiern genutzt.

Die Eintrittspreise betrugen 10 Pfennig für Erwachsenen und 5 Pfennig für Kinder. Von dem Geld wurden der Turmwärter und die Pflege des Bauwerkes bezahlt.

Am 09.12.1910 war die Bismarck-Büste bereits in der Halle des Turmes aufgestellt, Mitglieder des Komitees führten eine Vorbesichtigung durch. Die Enthüllung der Büste war für den 18.01.1911 (40-Jahr-Feier des Deutschen Reichs) vorgesehen, wurde aber nochmals verschoben.

In einer Sitzung des Komitees am 02.03.1911 wurde beschlossen, zwei Feueraltäre vor dem Turm zu errichten.

Die offizielle Einweihung der Bismarckbüste und der altgermanischen Feuerstätten erfolgte am 01.04.1911.

Während des Zweiten Weltkrieges war ein Flakposten auf dem Turm stationiert.  Die Feueraltäre wurden im Dritten Reich für Propagandafeiern zweckentfremdet.

Das Bauwerk wurde mehrfach im Krieg beschädigt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bismarckbüste zerstört (nach anderer Quelle lag die Büste im Jahr 1959 zerstört im Turminnern). Anfang der 1950er Jahre wurden die Feueraltäre abgetragen.

Nach dem Krieg nutzten die britischen Alliierten den Bismarckturm bis 1956 als Sendeturm. Der Turm wurde danach freigegeben, war aber stark sanierungsbedürftig.

Die Sanierungskosten wurden im Jahr 1964 auf 100.000 DM geschätzt.

Als in den 1970er Jahren ein Investor auf dem Kahlenberg den Bau von Hochhäusern plante, sollte der Bismarckturm abgerissen werden. In einer Leserbefragung einer Mülheimer Zeitung sprachen sich jedoch 94 % der Leser für einen Erhalt des Bismarckturmes aus.

Bei einer in den Jahren 1979/1980 durchgeführten Sanierung wurde für 230.000 DM u.a. die Decken- und Wandflächen ausgebessert. Im Juli 1980 wurde der Bismarckturm wieder für Besucher freigegeben. Da ein Turmwärter von der Stadt nicht finanziert werden konnte, wurde das Bauwerk nur an wenigen Tagen im Jahr geöffnet.

Der Mülheimer Turm wurde nach weiteren Umbau- und Sanierungsmaßnahmen (Strom- und Wasserversorgung) seit dem 13.01.1998 als Ausstellungs- und Aktionsort mit regelmäßigen Veranstaltungen vom Künstler Jochen Leyendecker geöffnet.

Am 01.04.2009 war der 100. Jahrestag der Bismarckturm-Einweihung, eine Jubiläumsfeier fand nicht statt.

Im Mai 2017 wurde dringender Sanierungsbedarf im Inneren des Turmes festgestellt. Die obere Etage und die Aussichtsplattform sind seitdem für Besucher gesperrt. Der Turm bleibt weiterhin als Kulturort zugänglich.


Öffnungszeiten

01.03. - 31.10, Di. - Fr. + So. von 14:00 - 17:00 Uhr und nach Absprache
(Tel.: 0208/3880800)


Links

Google Maps

Google Earth

Stadt Mülheim/Ruhr (mit weiteren Fotos und Angaben zu den Ausstellungen)


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 279
- Seele, Sieglinde; Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von MÜLHEIM/RUHR
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 155 "Bismarck-Feuersäule bei Mülheim a. d. Ruhr", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 3. Jahrgang 1905 (Nr. 5, S. 6); 4. Jahrgang 1906 (Nr. 4, S. 60; Nr. 7/8, S. 113), 5. Jahrgang 1907 (Nr. 3, S. 43; Nr. 5, S. 70; Nr. 7/8, S. 103); 6. Jahrgang 1908 (Nr. 4, S. 57; Nr. 7, S. 112; Nr. 9, S. 147), 7. Jahrgang 1909 (Nr. 5, S. 82/83; Nr. 9/10, S. 160); 9. Jahrgang 1911 (Nr. 1, S. 12; Nr. 7, S. 132), 11. Jahrgang 1913 (Nr. 1, S. 12)
- Kleinmanns, Joachim: Rheinische Aussichtstürme des 19. und 20. Jahrhunderts, Dissertation Aachen 1986, S. 278 (Nr. 86)
- Oelschläger, Annina: Der Bismarckturm in Mülheim a.d. Ruhr - Entstehung - Geschichte - Gegenwart, Facharbeit Grundkurs Geschichte Jahrgangsstufe 12, Otto-Pankow-Schule Mülheim/Ruhr, Februar 2007 (PDF-Datei)


Bildmaterial

- Jörg Bielefeld, Remscheid (historisches Bildmaterial, Fotos April 1999, August 2007)
- Lars Lenzner, Hückeswagen (Fotos August 2006)


Skizze Bauplatz Bismarckturm Mülheim/Ruhr mit Feueraltären 1911