Update: 08.01.2017

Bismarckturm von Stammtisch erbaut
Der Bismarckturm in Rosengarten-Ehestorf (bei Harburg)

Bauplanung

Am 01.04.1906 veranstaltete der Stammtisch „Bismarck-Nische“ in Harburg einen Bismarck-Festkommers, an dem die Spitzen der Behörden und Körperschaften sowie Vertreter von Krieger- und anderen Vereinen teilnahmen. Auf Anregung von Fabrikant Dr. Ernst Eger aus Harburg wurde auf diesem Kommers beschlossen, eine Bismarcksäule zu errichten.

Daraufhin bildete sich ein „Komitee zur Errichtung des Bismarckturms“ unter Vorsitz von Dr. Eger, welches eine Spendensammlung einleitete.

Bei einer Auswahl von acht möglichen Standorten entschied sich das Komitee im Mai 1911 einstimmig für den Kiekeberg (127,10 m über NN) bei Ehestorf, nachdem mittels eines von Pionieren errichteten Holzturms die Aussicht von und auf den Turm getestet worden war. Die Auswahl des Standortes führte Ende Mai 1911 zu Prostesten von Bismarckverehrern aus Harburg, da diese den Schwarzenberg als geeigneteren Turm-Standort sahen. Der Protest verlief erfolglos.

Das Komitee wählte nicht den preisgekrönten Entwurf "Götterdämmerung" des Architekten Professor Wilhelm Kreis (wie in 47 anderen Orten) aus, sondern beauftragte den Professor, neue Entwürfe für Ehestorf zu erarbeiten. Zuvor wurden aber auch Entwürfe von anderen Architekten, z.B. Rudolf Schäder, zwecks Ausführung in Betracht gezogen. Aus mindestens zwei Entwürfen von Prof. Kreis (nicht ausgewählter Entwurf siehe unten) wählte das Komitee Ende Juli 1911 den runden und schlanken Entwurf aus.

Der Besitzer des nahe gelegenen Gasthauses Peters Höh', Wilhelm Schuster, erwarb im August 1911 den Bauplatz für 1.000 Mark. Es handelt sich dabei um drei Parzellen (zwei in Ehestorf, eine in Vahrendorf) von insgesamt 15.000 m² Größe.

Am 11.04.1912 gewährte der Kreistag des Landkreises Harburg eine Beihilfe von 1.000 Mark für den Turmbau.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 02.07.1912 um 18:00 Uhr. Die Festansprache übernahm der Vorsitzende des Komitees, Dr. Eger, die Einmauerung einer Kassette in den Grundstein wurde von Architekt Prien und Maurerpolier Harms durchgeführt. Die obligatorischen Hammerschläge auf den Grundstein wurden von Landrat Felix Rötger (Landkreis Harburg), Stadtsyndikus Tilemann, Bürgervorsteher-Wortführer Maul, Major Hopf als Vertreter der Garnison, Oberzollkontrolleur Zimmermann für die Turner, Direktor Dr. Friedrich für die Jugend sowie Kommerzienrat Dr. Eger, Stadtbaurat Dr. Hoehle, Architekt Prien und Mitgliedern des Komitees durchgeführt.

Die Kosten für den Turmbau betrugen 50.000 Mark, damit ist dieses Bauwerk der teuerste Bismarckturm in Niedersachsen. Die Bausumme wurde durch Spenden aufgebracht.

Erbaut wurde der Turm in unmittelbarer Nähe des Gasthauses "Peters Höh’" (heute „Gasthaus zum Kiekeberg").


Bauarbeiten

Gebaut wurde der Turm von der Fa. August Prien aus Harburg.

Zur Verblendung des Turmes wurden blaue Elbklinker verwendet (hartgebrannte blaue Klinker, die beim Brand gesintert wurden und dadurch eine unregelmäßige Farbgebung von bläulich schimmernd bis schwarz aufweisen). Das Portal und einige Verzierungen wurden in Sandstein ausgeführt.

Das Bauwerk konnte innerhalb von knapp vier Monaten errichtet werden.


Turmbeschreibung

Der 23 m hohe Aussichtsturm mit Feuerschale wurde auf einem 15.000 m² großen Areal (ca. 6 Morgen groß) errichtet.

Der runde Turm besaß drei Stockwerke.

Im unteren Bereich hatte das Bauwerk einen Durchmesser von 9 m bei einem Umfang von 28,20 m. Der Eingang lag auf der Nordseite und führte im Innern des Turmes zu einem 6 m² großem Vestibül. Von dort aus gelangte man in die 24 m² große, kreisförmige Bismarck-Gedächtnishalle. Auf der Südseite der Halle befand sich eine Nische, die für die Aufstellung einer später geplanten Bismarck-Büste gedacht war. Links und rechts davon waren an den Seitenwände deutsche Reichsadler in Stein eingelassen.

Die Seitenwände waren durch rote Pfeiler mit weißen Fugen durchbrochen. Der Fußboden des Turmes war mit imitiertem Marmor belegt.

Die Mauerstärke bis zur Galerie (Umgang) in 12,80 m Höhe betrug 1 m.

In der Gedächtnishalle war die Inschrift

"Vom Brecher tück' scher Zwietracht,
Vom Schmied der deutschen Eintracht,
Vom Lenker in dem Weltensturm
Erzählt in Ehrfurcht dieser Turm"

zu lesen.

Von der Halle aus gelangte man seitlich über eine steinerne Treppe zur 1. Etage. Direkt oberhalb des Eingangsbereiches befand sich ein aus Sandstein hergestellter Altan. Von dort aus erreichte man über eine eiserne Wendeltreppe die 2. Etage (Galerie mit Umgang), welche mit einer Metall-Brüstung versehen war.

Durch eine Tür auf der Nordseite gelangte man auf die Galerie. Die Mauerstärke des Turmes verringerte ab hier sich bis zum Anfang der Kuppel auf 0,50 m. Der runde Aufbau war rundum durch Quadratpfeiler durchbrochen, zwischen denen längliche Fensterschlitze angeordnet waren.

In 20 m Höhe waren acht kreisrunde Aussichtslöcher eingelassen. Über eine im Innern angebrachte eiserne Leiter erreichte man das obere Stockwerk, über das sich eine Kuppel wölbte, welche mit der von Zinnen umgebenen Feuerwanne abschloss.

Die Feuerwanne war ein ringförmiger Behälter mit einem Durchmesser von 2,08 m, welche durch Querwände in fünf Segmente aufgeteilt war. Befeuert wurde diese zunächst mit Öl. Nach schlechten Erfahrungen mit Ölfeuerungen wurde diese nach April 1913 mit einem "Spezialgemisch" aus 5 kg Pech, 5 kg Schwefel, 2 kg Werg und 10 Liter Petroleum. Die Brenndauer betrug 1 - 1,5 Stunden.


Turmgeschichte

An der Einweihungsfeier am 27.10.1912 ab 15:30 Uhr nahmen 5.000 Personen (davon 2.000 Schulkinder) teil. Vom Schwarzenberg aus setzte sich der Menschenzug in Richtung Kiekeberg in Bewegung. Regierungspräsident Adolf Heinrichs (Preußischer Regierungsbezirk Lüneburg des Landes Niedersachsen) war bei der Einweihungsfeier als offizieller Vertreter der Königlichen Regierung zu Lüneburg anwesend. Die Weiherede hielt Dr. Eger, der den Turm für den künftigen Bismarckturm-Verein übernahm und die Wartung des Bauwerkes zusagte.

Huldigungskränze wurden von der Stadt Harburg, dem Museumsverein zu Harburg, dem Nationalliberalen Verein des 17. Hannoverschen Wahlkreises, dem Pionierbataillon und dem Stammtisch „Bismarck-Nische“ niedergelegt.

In den Abendstunden wurde die Feuerwanne erstmals entzündet. Die Erdölwerke in Wilhelmsburg hatten dazu 1.600 Pfund Öl gestiftet. Bei der erstmaligen Befeuerung riss die Feuerwanne, von welcher Öl nach unten floß, ohne Schaden anzurichten.

Die Mitglieder des Bismarck-Turm-Vereins zeigten sich enttäuscht von der Wirkung der Öl-Befeuerung auf dem Turm (starke Rauchentwicklung und keine lodernde Flamme) und fragten beim Bismarck-Bund nach Möglichkeiten der Abhilfe und Erfahrungen bei Befeuerungen von anderen Bismarcktürmen. Die weiteren Befeuerungen erfolgten darauf mit einem Spezialgemisch, u.a. aus Pech und Schwefel bestehend.

Nach der Einweihung wurde der „Bismarck-Turm-Verein zu Harburg (Elbe) Stadt- und Landkreis e.V.“ gegründet, um für die Erhaltung des Bauwerkes zu sorgen.

Am 01.04.1913 (Bismarcks Geburtstag) wurde der Bismarckturm erneut befeuert, unterstützt von Harburger Pionieren, die die Turmumgebung zusätzlich mit Scheinwerfern ausleuchteten. Redakteur Pietsch (Harburger Anzeigen und Nachrichten“) hielt die Festansprache. Der Bismarckturm-Verein lud anschließend zu einem zwanglosen Zusammensein im benachbarten Gasthaus „Peters Höh'" ein.

Ende 1913 hatten bereits 20.000 Besucher den Bismarckturm bestiegen. Im weiteren Umkreis des Turmes waren durch den Bismarckturm-Verein zwölf Wegweiser aufgestellt worden.

Die geplante innere Ausstattung der Gedenkhalle im Turm (im März 1915 vorgeschlagen) sowie die Aufstellung einer Bismarck-Büste (später plante man eine Bismarck-Statue, eine verkleinerte Nachbildung des Hamburger Bismarckdenkmals) konnte aus Kostengründen nicht realisiert werden. Der Verein bat um Spenden, um dieses Vorhaben bis zum 100. Geburtstag von Bismarck durchführen zu können.

Eine weitere Befeuerung fand am 100. Geburtstag von Otto von Bismarck (01.04.1915) statt.

Anlässlich des 110. Geburtstages von Otto von Bismarck am 01.04.1925 fand am Turm eine Gedenkfeier mit Befeuerung statt. Das Grundstück des Turmes war zu diesem Zeitpunkt auf den Bismarckturm-Verein übertragen worden, der Verein war komplett schuldenfrei.

Im Jahr 1926 wurde der Aufgang der Plattform aufgrund von Schäden abgesperrt. Ausbesserungsarbeiten wurden durchgeführt. Am 01.04.1927 wurde eine Gedenkfeier abgehalten und das Feuer auf dem Turmkopf entzündet. Die nächste Befeuerung erfolgte am 31.03.1928 um 20 Uhr. Vorsitzender Dr. Eger hielt eine Ansprache von Balkon des Turmes.

Im Jahr 1929 schätzte das Finanzamt den Wert des Bismarckturmes auf 10.000 Reichsmark. Eine Inspektion des Turmes zwecks umfangreicher Sanierungsmaßnahmen wurde durchgeführt, Kosten für Ausbesserungsarbeiten wurden bewilligt. Eine Turmbefeuerung erfolgte Ostermontag, 01.04.1929 um 19 Uhr. Eine weitere Gedenkfeier mit Turmbefeuerungen folgte am 01.04.1930.

1932 musste die Befeuerung wegen Ausbesserungsarbeiten der Befeuerungsanlage ausfallen. Im gleichen Jahr entstanden dem Verein größere Kosten durch die Neubedachung der Turmkuppel. Das Bauwerk wurde 1933 bengalisch befeuert, da Dach und Feuerwanne zu dieser Zeit noch nicht wieder instand gesetzt waren. Am Turm wurde das 20jährige Jubiläum des Bismarckturmes gefeiert.

Am 01.04.1934 enthüllte Dr. Eger das Hakenkreuz an der Turmfront unterhalb des Umgangs. In den Abendstunden wurde das Turmfeuer in der neuen Befeuerungsanlage (große eiserne Pfanne) entzündet. Im Juni 1934 wurde auf dem Turmkopf ein Sonnenwendfeuer entzündet. Weitere Befeuerungen mit Gedenkfeier fanden am 01.04.1935 und 01.04.1936 statt.

Im kleinen Kreise wurde die Gedenkfeier mit Turmbefeuerung am 01.04.1937 durchgeführt. Am 01.04.1938 wurde ein Eichenkranz am Turm abgelegt, eine Befeuerung erfolgte nicht.

Im Jahr 1939 errichtete das Reichsamt für Landesaufnahme auf der Galerie des Turmes einen Beobachtungspfeiler für die Landesvermessung.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden Gegenstände aus dem Helms-Museum im Bismarckturm ausgelagert.

Der Turm wurde am 20.04.1945 zwischen 08:00 - 11:00 Uhr von der deutschen Wehrmacht mittels zweier Bomben gesprengt. Mit der Sprengung sollte verhindert werden, dass vorrückende britische Truppen den Turm als Beobachtungsposten oder als Beschussmöglichkeit gegen Hamburg verwenden konnten. Die Überreste des Turmes wurden zerschlagen und zum Straßenbau verwendet. Die im Turm gelagerten Gegenstände des Helms-Museums gingen durch die Sprengung verloren.

Am 01.04.1948 wurde am ehemaligen Turm-Standort eine Bismarck-Eiche (Jung-Eiche aus dem Sachsenwald) gepflanzt. Diese erhielt den Namen „Bismarck-Eiche auf dem Kiekeberg“, ein großer Findling am Waldrand mit der Inschrift

Otto von Bismarck
1815-1898

erinnert seitdem an die ehemalige Gedenkstätte.

Das Grundstück mit dem Bauplatz des Bismarckturmes wurde dem Helms-Museum (Hamburger Landesmuseum für Archäologie) übereignet.

Im Jahr 1953 wurde auf dem Kiekeberg das "Freilichtmuseum am Kiekeberg" als Außenstelle des Helms-Museums errichtet.


Links (ehemaliger Standort)

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Freilichtmuseum am Kiekeberg

Gasthaus zum Kiekeberg


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 335-336
- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von HARBURG (Hamburg-Harburg)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 183 "Bismarck-Feuersäule zu Harburg", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 11. Jahrgang 1913 (Nr. 1, S. 11), 12. Jahrgang 1914 (Nr. 1, S. 12; Nr. 3, S. 34/35).
- Denkhaus, Markus: „Eine dörfliche Gemeinde am Stadtrand von Hamburg“, S. 101, BoD 2001
- Hamburger Nachrichten, Hamburger Anzeiger, Hamburgischer Correspondent, Neue Hamburger Zeitung (verschiedene Ausgaben zwischen 1911-1938, genaue Ausgaben auf Anfrage)


nicht ausgewählter Turm-Entwurf von Professor Wilhelm Kreis