Update: 19.02.2015

Friedens- statt Bismarckwarte
Die Bismarckwarte in Brandenburg

Vorbemerkungen

Bereits im Jahr 1874 wurde auf dem Marienberg in Brandenburg ein neogotischer Aussichtsturm zur Ehre der Gefallenen der Kriege 1864-1871 nach einem Entwurf von Hubert Stier errichtet. Dieses Kriegerdenkmal wurde im März 1960 vollständig abgebrochen.

Im Jahr 1899 hatte die Witwe des Brandenburger Fabrikanten Robert Leue 50.000 Mark für die Neugestaltung des Marienberges gestiftet. 1907 begann die Bepflanzung des ersten Abschnittes.

Johann-Gottlieb Bröse sorgte Ende des 19. Jahrhunderts für die Anlage von Spazierwegen und die gärtnerische Verschönerung der ehemals kahlen Bergkuppe. Durch die Leue-Stiftung wurde im Jahr 1907 ein Gartenarchitekt finanziert, dessen Entwurf durch den Brandenburger Garteninspektor Keßler nach dem Vorbild italienischer Renaissance-Gärten umgearbeitet wurde (u.a. Terrassengarten, Steingarten, künstliche Quelle, Pergola, Aussichtspunkte usw.).

Im Jahr 1908 wurde auf dem Marienberg ein Wasserhochbehälter mit 10.000 Liter Fassungsvermögen errichtet. Neben den nun vorhandenen gärtnerischen Anlagen nebst Sitzbänken wurde eine Pergola am Westhang gestaltet.


Bauplanung

Der Brandenburger Spielzeugfabrikant Ernst Paul Lehmann regte am 28.03.1903 beim Deutschen Abend der Brandenburger Ortsgruppe des Deutschen Flottenvereins, dessen Vorsitzender er war, den Bau einer Bismarckwarte an. Der Plan konnte zunächst nicht konkretisiert werden.

Am 12.02.1905 gab E.P. Lehmann seinen Vorschlag an die Stadtbehörde weiter und bot dieser ein in seinem Eigentum befindliches, 9.000 m² großes Grundstück auf dem Südhang des Marienberges kostenlos an. Er stellte dazu die Bedingung, dass auf diesem Grundstück die Bismarckwarte errichtet und auf der Warte jährlich am 01. April zu Ehren des ehemaligen Reichskanzlers ein Bismarckfeuer entzündet werden sollte. Zudem sollte die Aussicht auf das bereits 1874 auf dem Marienberg errichtete Kriegerdenkmal nicht eingeschränkt werden. Ernst Paul Lehmann stiftete 10.000 Mark für die geplanten Gartenanlagen auf dem Marienberg.

Die Stadtverordneten nahmen das Angebot in der Stadtverordnetenversammlung am 23.02.1905 - mit Ausnahme der Sozialdemokraten -  an. Es wurde eine städtische Kommission zur Errichtung der Bismarckwarte gegründet.

Vertreter nationaler Vereine bildeten nach einem Aufruf am 25.02.1905 am 03.03.1905 und endgültig am 06.03.1905 einen Finanzausschuss, der sich aus Bürgern aller Berufsstände zusammensetzte. Unter Leitung von Postdirektor Lohmann wurden Vertrauensmänner eingesetzt, die Werbung für den geplanten Turm machten. Ende März 1903 startete der Finanzausschuss einen "Aufruf zur Errichtung einer Bismarckwarte", um Spendenmittel zu sammeln. Dieser Ausschuss bestellte 150 Vertrauensmänner, die in einzelnen Bezirken aktiv für die geplante Warte für Spenden warben.

Bereits am 01.04.1905 wurde mit Genehmigung der städtischen Kommission der Grundstein im Rahmen einer Feier gelegt, obwohl der genaue Bauplatz auf dem gekauften Grundstück noch nicht geklärt war.

Noch im Jahr 1905 fertigte Professor Bruno Möhring aus Berlin einen Entwurf für die geplante Bismarckwarte an. Auf dem Marienberg wurde ein Holzgerüst aufgestellt, um die Fernwirkung des Turmes zu überprüfen und um eine Sichtbehinderung der geplanten Warte durch das Kriegerdenkmal zu vermeiden.

Die städtische Kommission änderte den Entwurf des Architekten in "wichtigen Punkten" ab. Am 26.01.1906 erfolgte die Genehmigung des Baus durch den Regierungspräsidenten.

Es wurde ein engerer Bauausschuss unter Vorsitz des Postdirektors Ferdinand Lohmann gegründet. Die weiteren Mitglieder des Vorstandes waren Kommerzienrat Lehmann, Ziegeleibesitzer Bortfeldt, Prof. Dr. Otto Tschirch (als Schriftführer) und Prokurist Holsche (als Schatzmeister).

Bis Ende 1907 wurden 13.319 Mark an Spenden und 1.950 Mark an Stiftungsgeldern gesammelt. Insgesamt spendeten 3.000 Bürger der Stadt Brandenburg sowie "auswärtige Freunde" für die Bismarckwarte.

Alle für den Bau verwendeten Findlinge (204 m³ im Wert von ca. 4.100 Mark) sowie 325.000 Hintermauerungssteine (Ziegel) wurden kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Ziegel wurden von Ziegeleibesitzern der Umgebung gespendet, Amtsrat Sander aus Mötzow stiftete z.B. Ziegelsteine im Wert von 2.000 Mark.

Die Kosten für die Warte betrugen ca. 15.300 Mark (ohne Schenkungen und kostenlose Lieferungen), die gesamte Anlage kostete rund 150.000 Mark.


Bauarbeiten

Im Februar 1906 wurde mit den Bauarbeiten begonnen.

Die Bauleitung erfolgte durch den gewählten Bauausschuss.

Als ausführender Maurermeister war W. Hohmann aus Brandenburg unter Aufsicht von Prof. Möhring tätig. Als Werkführer arbeitete Mauermeister Gebauer.

Als Baumaterial wurden für die äußere Umwandung mehrfarbige Granitfindlinge aus der näheren Umgebung verwendet. Der Turmkern wurde aus braunroten und –schwarzen, gesinterten Klinkern (Formziegel aus Rathenow, geliefert von C.G. Matthes & Sohn) und roten Hintermauerungs-Ziegelsteinen gebaut. Die Werksteine für die Abdeckungen und den plastischen Schmuck waren aus blaugrauem Granit aus der Kosseine im Fichtelgebirge und wurden geliefert von der Fa. Backofen in Berlin und den Granitwerken Ackermann aus Weißenstadt im Fichtelgebirge.

Weitere beteiligte Firmen und Handwerker

Kunstschmied Victor Hillmer, Berlin-Rixdorf         Laternen
Kunstschmied Georg Küllmer, Berlin                  Eisernes Tor
Paul Förster, Berlin                                        Kunstverglasung
Ernst A. Böttcher, Berlin                                  Muscheln
Garteninspektor Fritz Keßler                            Gartenanlagen und Aufgang zur Warte

Durch die zeitaufwändige Beschaffung und Anlieferung der Steine dauerten die Bauarbeiten über zwei Jahre.


Turmbeschreibung

Die auf der Vorderseite 15 m hohe Bismarckwarte als Aussichtsturm mit Befeuerungsmöglichkeit bestand aus einem inneren Turmkern aus dunklen Rathenower Formziegeln. Als Außenbaumaterial für den massiven Rundbau in Form eines einfachen Kleeblatts waren Granitfindlinge verwendet worden.

Der Aufgang am Fuß der Warte wurde von Garteninspektor Keßler durch eine in mehrere Terrassen gegliederte Gartenanlage im Stil der alten römischen und italienischen Gärten gestaltet (mit Rosarium, Arkaden und Laubengängen).

Beidseitig der Turmfront schmiegten sich seitlich Treppenaufgänge an, die zur höher gelegenen Rückseite mit dem eigentlichen Eingang führten.

Sowohl der linke als auch der rechte Granit-Pfeiler des zweiläufigen Treppenaufganges zeigte jeweils das Bismarck-Wappen. Am Ende des Treppenaufgangs, flankiert von zwei Pfeilern mit aufgesetzten Kandelabern, erreichte man den Denkmalsplatz, auf dessen Mosaikpflaster die Inschrift "In trinitate robur" zu lesen war.

Den Eingang erreichte man über acht Stufen und ein granitenes Tor, auf dem die Widmung

"GETREUE/
BRANDENBURGER/
IHREM/
BISMARCK"

angebracht war.

Der Zugang in das Bauwerk erfolgte durch eine kunstvoll geschmiedete Eisentür. Von hier aus gelangte man zu einer steinernen Freitreppenanlage, die rechts und links in seitlichen Rundungen zur Aussichtsplattform mit Feuerschale führte. Kern des Bauwerkes war der Mittelturm, der von einem Ziegelfries abgeschlossen wurde.

In einer Nische auf der Vorderseite des Turmes war eine von Hugo Lederer aus Muschelkalkstein (gestiftet von Ziegeleibesitzer Bortfeldt) gefertigte Bismarckbüste eingearbeitet.

Oberhalb davon trugen die vier Werksteinsäulen auf der Plattform die quadratische, kupferne Feuerschale. An den vorderen Säulen waren zwei Adlerschilde mit dahinter stehenden Schwertern eingemeißelt, an den hinteren Säulen stilisierte Wappen der Alt- und Neustadt Brandenburg (gestiftet von den Herren Koehler, Dehnert und Gabbe und von der Roland-Loge). Die Feuerschale trug die umlaufende Inschrift (jeweils ein Wort):

"BISMARCK/ [vorne]
HIE GUET/
 BRANDENBURG/
[hinten]
ALLEWEGE".

Die kupferne Feuerschale wurde von der Kunstschmied-Firma Hillerscheid & Kasbaum aus Berlin gefertigt. Diese wurde durch sog. „griechisches Feuer“ befeuert. Durch den Druck von Kohlensäuregas wurden die Flammen auf eine Höhe von 10 – 15 m getrieben.

Im Innern des Mittelturmes befand sich eine Gedenkhalle, die durch eine hölzerne Tür betreten werden konnte. Die Halle war mit Mosaikboden ausgelegt und mit einen Bismarck-Büste in einer Nische ausgestattet. Dr. Kurt Appel hatte für diese Halle ein buntes Glasfenster gestiftet. Oberhalb der Bismarckbüsten-Nische befand sich ein kupfernes Medaillon mit der Mahnung des Großen Kurfüsten: „Gedenke, daß Du ein Deutscher bist“.


Turmgeschichte

Am 01.04.1908 ab 17:30 Uhr fand die feierliche Einweihung der Bismarckwarte statt, an der mehrere tausend Besucher teilnahmen. Auf dem Festplatz vor der Warte hatten sich auch Vertreter der Behörden, das Garnisons-Offizierkorps, Kriegervereine und Sänger eingefunden.

Die offizielle Festansprache hielt Postdirektor Lohmann, der die Bismarckwarte anschließend an die Stadt Brandenburg übergab, als deren Vertreter diese Bürgermeister Voigtel übernahm. Der Bürgermeister hielt daraufhin die Weiherede. Anschließend wurden Kränze am Fuß der Warte niedergelegt. Von 18:30 bis 19:00 Uhr brannte erstmals ein „griechisches Feuer“ in der Feuerschale entzündet. Kohlensäuregas trieb mittels Druck die Flammen in der Feuerschale 10 – 15 m nach oben.

Gegen 21:00 Uhr wurde die Einweihungsfeier mit einem Deutschen Abend auf Ahlerts Berg abgeschlossen.

Bis zum Jahr 1933 werden bis auf wenige Ausnahmen alljährlich Feuer zu Ehren Bismarcks in der Feuerschale entzündet.

Am Ende des 2. Weltkriegs wurde die Bismarckwarte zu einem Luftschutzraum umfunktioniert. Luft- und Artilleriebeobachter waren im Februar 1945 im benachbarten Kriegerdenkmal untergebracht. Am 30.04.1945 wurde der Marienberg von sowjetischen Soldaten besetzt.

Als eine der ersten Amtshandlungen der neuen Stadtverwaltung sollte die Bismarckwarte im Jahr 1945 mit Hilfe eines sowjetischen Sprengkommandos gesprengt werden. Dies scheiterte an der Weigerung der Sowjets.

Nach 1945 wurde die Warte zu einem Mahnmal für die Opfer der Faschisten umgebaut.

In den 1950er Jahren wurden die gärtnerischen Anlagen so umgestaltet, dass ein weiter Blick von der Warte auf die Straße geschaffen wurde und andererseits eine freie Sicht auf die Anhöhe möglich war.

Anfang 1958 wurde eine Umbenennung der Bismarckwarte diskutiert. Anlässlich des Weltfriedenstages am 01.09.1958 wurde diese aus ideologischen Gründen in Friedenswarte umbenannt. Die Büste Bismarcks, die zu Füßen der Warte „begraben“ wurde, ersetzte man durch ein Friedenstaube-Relief (1,55 m hoch, 1,35 m breit), geschaffen von Bildhauer Karl Merten aus Rathenow. Vorgesehen war die Anbringung des Schriftzuges „FRIEDEN“ in verschiedenen Sprachen. Die Inschriften über der Eingangstür, am Unterbau der Feuerpfanne und aus dem Mosaik wurden entfernt.

Im Jahr 1972 oder 1973 wurde die Friedenswarte offiziell wegen Schäden an der Bausubstanz für Besucher gesperrt. Im Januar 1974 wurde der Abriss der Warte von der Stadtverordneten beschlossen. Eine zweijährige Sanierung der Warte wurde von der SED auf 200.000 Mark beziffert. Offiziell wurde am 31.01.1974 durch das Wettbewerbsprogramm "Schöner unsere Stadt - Mach mit!" zum 25. DDR-Geburtstag die "Wiederherstellung und Modernisierung der bauaufsichtlich gesperrten Friedenswarte" vorgegeben, obwohl die Sprengung des Bauwerkes bereits beschlossen war. Die Sprengung war zur Geheimsache gemacht worden, da man den Protest der Bevölkerung fürchtete.

Die Vorarbeiten zur Sprengung starteten am 28.02.1974.

Am 22.03.1974 um 11:45 Uhr wurde die Warte gesprengt. 400 Sprenglöcher wurden mit 200 kg Sprengstoff versehen und mit Kieferreisig verdichtet.

Noch im Laufe des Jahres 1974 wurde eine neue Friedenswarte als 32,50 m hohe Beton-Stahl-Konstruktion mit zehn Plattformen (davon fünf offene) errichtet. Der Sockel der neuen Friedenswarte ist der ehemalige steinerne Unterbau der gesprengten Bismarckwarte. Die Boden-Inschrift „In trinitate robur“ ist noch erhalten. Die Friedenswarte konnte bereits am 07.10.1974 eingeweiht werden.

Im Jahr 2001 wurde bei Straßenbauarbeiten am Wiesenweg in Brandenburg der Inschriftstein mit der Inschrift "BISMARCK" wiedergefunden.

Im Jahr 2006 wurde die Friedenswarte umfangreich saniert. Der aufgefundene Inschriftstein wurde in die Friedenswarte integriert.


Links

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www.friedenswarte.de


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 74/75
- Seele, Sieglinde: Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-WARTE von BRANDENBURG-HAVEL (Brandenburg)
- Otto Tschirch, Prof. Dr.: Festschrift zur Einweihung: Bismarck und die Stadt Brandenburg, 1908
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 147  "Bismarck-Warte zu Brandenburg/Havel, 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 1. Jahrgang 1903 (Nr. 4, S. 4), 3. Jahrgang 1905 (Nr. 5, S. 7; Nr. 8, S. 9), 4. Jahrgang 1906 (Nr. 4, S. 58; Nr. 7/8, S. 111), 6. Jahrgang 1908 (Nr. 5, S. 79; Nr. 9, S. 151)
- Berliner Architekturwelt, 11. Jahrgang 1909, S. 112 ff.
- Brandenburger Wochenblatt vom 24.03.2004


Fotos

Jörg Bielefeld, Remscheid (Mai 2006)

Bismarckwarte Brandenburg bei Nacht
Friedenswarte Brandenburg
Bismarckwarte Brandenburg Rueckseite
Bismarckwarte Brandenburg mit Friedenstaube statt Bismarckbüste
Foto Inschrift "In trinitate robur" vor ehemaliger Bismarckwarte Brandenburg (Friedenswarte)
Wieder aufgefundener Inschriftstein vor Bismarckwarte Brandenburg
Ehemaliges Kriegerdenkmal neben Bismarckwarte Brandenburg
Zeichnung Bismarckwarte Brandenburg befeuert