Update: 21.12.2017

Der spät berufene Bismarckturm
Der Bismarckturm in Lichtenfels

Bauplanung

Am 23.03.1900 wurde auf der im Eichhornschen Saal ausgerichteten Generalversammlung des örtlichen, im Jahr 1866 gegründeten Verschönerungsvereins der Bau eines Aussichtsturmes vorgeschlagen. Dieser sollte auf dem schönsten Punkt der Stadt und Umgebung, dem Mausrotberg, errichtet werden. Bereits im Jahr 1892 war dieses Vorhaben vorgeschlagen, aber wegen nicht ausreichender finanzieller Mittel fallen gelassen worden.

Auf der Generalversammlung wurde ein Komitee mit insgesamt 14 Mitgliedern zur Realisierung dieses Projektes gegründet. Eine spontane Sammlung ergab 165 Mark, die als Grundstock für den Turmbau verwendet wurde. Die Mitglieder des Komitees erklärten sich bereit, die Turmbau-Idee öffentlich zu verbreiten und Spenden für das Projekt zu sammeln.

Auf der nächsten Generalversammlung am 11.04.1901 wurde das Projekt Aussichtsturm erneut diskutiert. Es wurde letztendlich beschlossen, die Platzfrage zu klären und mit den Grundstückbesitzern, Familie Silbermann, Kontakt aufzunehmen.

Fabrikant Hans Silbermann aus Hausen überließ der Stadt Lichtenfels auf Anfrage des Verschönerungsvereins im Jahr 1902 kostenlos einen Bauplatz von 170 m² Fläche auf einem seiner Waldstücke auf dem Mausrotberg (Herberg).

Die Spendensumme betrug am 12.04.1902 insgesamt 650 Mark, zusätzlich stellte der Verschönerungsverein 500 Mark für den Bau zur Verfügung.

Der Turm-Entwurf (Steinturm) mit einem Kostenanschlag von 6.200 Mark wurde von Bezirkstechniker Joh. Gräbner erstellt, der zudem auch die Pläne und alle Berechnungen durchführte. Alternative Kostenanschläge für einen Eisenturm, die eingeholt wurden, lagen zwischen 6.000 – 8.000 Mark. Joh. Gräbner führte alle Pläne für den von ihm entworfenen Steinturm aus und war für alle Berechnungen verantwortlich. Der Turmentwurf wurde in der örtlichen Buchhandlung Schulze ausgestellt und fand den Zuspruch der Lichtenfelser Bevölkerung.

Der Baubeginn des Turmes als „ewiges Wahrzeichen des Friedens, der Opferwilligkeit und Vaterlandsliebe“ sollte starten, sobald 2.000 Mark Einzelspenden gespendet waren. Die Stadt Lichtenfels wurde nach einer Beteiligung von 1.000 Mark angefragt.

Die 2.000 Mark an privaten Spenden konnten noch im Jahr 1902 gesammelt werden.

Der Verschönerungsverein spendete insgesamt 1.200 Mark und die Stadt Lichtenfels gab schließlich 1.000 Mark für den Turmbau hinzu.

Noch im Jahr 1902 wurde über die genaue Bezeichnung des Turmes diskutiert. Mitglieder plädierten für die Bezeichnung Siegesturm als Erinnerungszeichen an die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches und die Siege in den Jahren 1870/71.

Der Rest der Bausumme (Gesamtkosten: 8.300 Mark) wurde über mit 3% verzinsliche Anteilsscheine zusammengebracht, die ab August 1903 ausgegeben wurden. Die Kosten für jeden Anteilsschein betrugen 50 Mark.

Am 20.04.1903 wurde auf der Generalversammlung beschlossen, den Turm 20 m hoch zu bauen. Die Bauarbeiten wurden am 28.05.1903 an die Fa. Diroll vergeben.

Ein Schenkungsvertrag über das Turmgrundstück wurde am 30.09.1903 beim Notariat Lichtenfels abgeschlossen. Familie Silbermann überließ der Stadtgemeinde Lichtenfels unentgeltlich das 0,018 ha große Waldgrundstück (Plan Nr. 2007 + 2008) als Bauplatz für den Aussichtsturm. Die Stadt musste sich vertraglich verpflichten, auf dem Bauplatz keine Wirtschaft zu errichten.

Die Stadt übernahm die Grundfläche am 01.10.1903.


Bauarbeiten

Entworfen wurde der Turm vom Architekten und Bauinspektor Joh. Gräbner aus Lichtenfels, der gleichzeitig, zusammen mit Hilfstechniker Müller, als Bauleiter fungierte. Ausführende Baumeister waren die Gebrüder Diroll, ebenfalls aus Lichtenfels. Die Zimmermannarbeiten übernahm Karl Meidel, der Blitzableiter wurde von Fläschnermeister Andreas Schnapp hergestellt.

Bei den Ausschachtungsarbeiten wurde festgestellt, dass die vorhandenen Felsen im Untergrund für den Bau ungeeignet waren, da der Fels gespalten und zerklüftet war. Statt der ursprünglich geplanten Tiefe von 1,50 m musste der Untergrund daher 3,68 m tief ausgeschachtet werden. Zusätzlich mussten in diesen Eisenroste eingelegt werden. Dadurch erhöhten sich die Baukosten um ca. 1.000 Mark.

Als Baumaterial wurde Sandstein verwendet, welcher in einem Steinbruch der Gebrüder Diroll unterhalb des Turmgrundstückes gebrochen wurde. Vom Turm aus wurde ein Fußweg zum Steinbruch zwecks Transport des Baumaterials angelegt.

Bereits am 04.07.1900 erfolgte die Grundsteinlegung des Turmes ohne besonderes Fest durch den Kassierer des Verschönerungsvereins, Nikolaus Schmidt. Eine Blechkapsel inklusive Urkunde wurde in den Grundstein eingelegt.

Am 12.01.1904 konnten die Maurer- und Zimmermannarbeiten abgeschlossen werden. Ab Mitte März 1904 wurden Verputz- und Anstreicharbeiten durchgeführt.

Am 16.04.1904 wurde auf der Generalversammlung des Verschönerungsvereins festgestellt, dass sich die Turmbaukosten von ursprünglich 6.000 auf 8.300 Mark erhöht hatten. Neben den aufwändigen Ausschachtungsarbeiten war auch der höher ausgeführte Bau des Turmes für die Steigerung verantwortlich.


Turmbeschreibung

Der 20,50 m hohe Aussichtsturm ohne Feuervorrichtung hat einen viereckigen Grundriss mit einer Grundfläche von 5,65 m x 6,00 m.

Auf der Eingangsseite ist das Bauwerk unten rechts und linksseitig mit Eck-Verstrebungen versehen.

Oberhalb des Einganges ist eine Sandsteinplatte mit der Inschrift

"Verschönerungsverein Lichtenfels.
1903
"

darüber – in etwa 5 m Höhe, eine Steinplastik mit dem alten Lichtenfelser Stadtwappen (Motiv: Fünf Burgtore als Mauerkrone, zwei Lichtkandelaber begrenzen einen Felsen) angebracht.

Auf der Rückseite des Turmes ist die in Sandstein geschlagene Inschrift

"19 Erbaut von 03
Gebr. Diroll
Baumeister"

zu lesen.

Am Turmschaft sind in etwa 7 m Höhe auf allen Seiten breit umrahmte Fensterschlitze eingelassen. Auf der Rückseite ist oberhalb des Fensters ein weiteres Glasfenster eingelassen.

Über zwei Steinstufen gelangt man zum Rundbogenportal, über welches man den Turm betritt. Über vier Steinstufen erreicht man einen kleinen Abstellraum, der nach hinten bis zur Holztreppe reicht.

Rechterhand führt eine linksdrehende Holztreppe mit linksseitigem Holzgeländer nach oben. Nach 20 Stufen gelangt man zum ersten, nach weiteren 15 Stufen zum zweiten Geschoss (in Höhe der Fenster zu allen Seiten). In Laufrichtung ist eine Inschrifttafel, die oben mit einer Mauerkrone versehen ist, angebracht. Auf der Tafel werden die „Gründer des Aussichtsturmes“ (24 Namen) aufgelistet. Die Inschrift schließt unten mit den Worten „Der Verschönerungs-Verein. Lichtenfels“ ab.

Über 15 Stufen erreicht man die 3. Etage des Turmes (mit Glasfenster auf der Turm-Rückseite). Zur 4. Etage gelangt man über weitere 15 Holzstufen. Von hier aus führt eine Holztür auf der Eingangsseite auf den Alkoven (Tiefe: 0,65 m, Breite 1,40 m). Zum Alkoven auf der Nordostseite führen fünf Stufen einer separaten Treppe. Der Alkoven auf der Südseite ist über weitere zwei Stufen der normalen Holztreppe sowie drei weitere Stufen zu erreichen.

Für den Aufstieg zur 5. Etage benötigt man weitere 14 Stufen. Zur oberen Plattform gelangt man von der 5. Etage aus über 16 Stufen. Der Ausgang ist eine betonumfasste, nach außen seitlich aufklappbare Regenschutzabdeckung auf der Nordwestseite.

Im Treppenhaus wurde eine Votivtafel mit den Namen von 58 Kriegsteilnehmern aufgehängt.

Die zinnenbekrönte quadratische Plattform hat eine Seitenlänge von 4,80 m (Innenmaß). Die Brüstung ist 1,20 m hoch.

Die Gesamtstufenzahl im Innern des Turmes bis zur oberen Plattform beträgt 100.


Turmgeschichte

Am So., 24.04.1904 wurde das Bauwerk als Aussichts- und Siegesturm auf dem Herberg eingeweiht. Um 15 Uhr marschierte ein Festzug vom Marktplatz zum Festplatz am Aussichtsturm. Im Rahmen der Eröffnungsfeier wurde der Turm an die Stadt Lichtenfels übergeben.

Der Turm erhielt bei der Einweihung den Namen Sieges-Aussichtsturm, um an die Kriegsteilnehmer und Kriegsopfer von 1870/1871 zu erinnern. Eine Gedenktafel im Innern des Turmes, gefertigt von Bildhauer Simon Fischer, erinnerte an die „Lichtenfelser Krieger“ von 1870/71.

Alle Mitglieder des Verschönerungsvereins hatten freien Eintritt. Für einen jährlichen Aufschlag von einer Mark wurde jedem Mitglied ein eigener Turmschlüssel ausgehändigt. Für Nichtmitglieder kostete die Turmbesteigung 10 Pfennig.

Im Jahr 1904 wurde das Bauwerk von 1021 zahlenden Besuchern bestiegen.

Am 01.09.1905 wurde der Siegesturm anlässlich der nationalen Sedanfeiern befeuert.

Der Schuldenstand bezüglich der Turmbaukosten sank insbesondere durch die Eintrittsgeldeinnahmen von 3.200 Mark (1906) auf 2.000 Mark (1909) und weiter von 1.600 Mark (1911) auf 950 Mark (1914). Die letzten 20 Mark Schulden konnten 1916 getilgt werden.

Im Januar 1915 wurde in der Presse diskutiert, ob das Bauwerk in Hindenburgturm umbenannt werden sollte. Dieses Ansinnen wurde mit dem Hinweis auf die bestehende Bezeichnung Siegesturm nicht umgesetzt.

Nach dem Ersten Weltkrieg traten zunehmend Vandalismus-Schäden am Turm auf.

Im Februar 1924 wurde die Votivtafel mit den Namen der Kriegsteilnehmer von 1870/1871 auf Anraten des Veteranen- und Kriegsvereins aus Angst vor Beschädigungen aus dem Turm geholt und im Treppenhaus des Rathauses befestigt.

Dreißig Jahre nach dem Bau des Aussichtsturmes auf dem Herberg wurde dieser am 25. April 1933 in Bismarckturm umbenannt. Eine Emaille-Tafel mit der Inschrift "Bismarckturm" wurde am Turm angebracht (diese wurde vor 1997 entfernt).

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren erneut Schäden am Bauwerk zu beklagen, Türen und Fenster des Turmes waren entwendet worden und der Treppenaufgang wies größere Beschädigungen auf. Zudem war der Turm durch Bäume zugewachsen, eine Aussicht von der Plattform war nur eingeschränkt möglich.

Ein Kostenvoranschlag im März 1950 zwecks Beseitigung der Schäden betrug 936 DM.

Die notwendigen Reparaturen wurden 1952/53 durchgeführt. Im Mai 1953 war zudem eine Rund-Aussicht vom Turm wieder möglich.

Im Jahr 1960 musste der Bismarckturm aufgrund von Schäden im Innenbereich wieder verschlossen werden. Die Schäden konnten vom Verkehrs- und Verschönerungsverein in den Jahren 1967-1969 mit einem Kostenaufwand von 6.220 DM beseitigt werden. Ab 1970 war das Bauwerk wieder für Besucher zugänglich. Der Turmschlüssel konnte ab dieser Zeit in der benachbarten Jugendherberge entliehen werden, ab 1985 ausschließlich im Rathaus (Verkehrsamt).

Der Turm, der der Lichtenfelser Bevölkerung eher als Herbergturm oder Hohe Warte bekannt ist, ist heute über einen ausgeschilderten Wanderweg zu erreichen.

Seit 2011 ist der Turm wegen dringenden Sanierungsbedarfes gesperrt.


Öffnungszeiten

Das Bauwerk ist seit 2011 nicht für Besucher zugänglich und dauerhaft verschlossen (Stand: Dezember 2017).


Links

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Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 252
- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von LICHTENFELS (Bayern)
- Manfred Popp / Christine Wittenbauer: 100 Jahre Aussichtsturm auf dem Herberg, Lichtenfelser Hefte zur Heimatgeschichte Nr. 6, Lichtenfels 2004


Fotos

- Jörg Bielefeld, Remscheid (November 1998, März 2004)
- Hans-Dieter Hirschmann, Haßloch (August 2008)
- Ralph Männchen, Dresden (März 2015)