Update: 27.05.2013

Der Schuldenturm der Studentenschaft
Der Bismarckturm in Ettlingen

Vorbemerkung

Die Bismarcksäule in Ettlingen gehört zu den wenigen Bismarcktürmen, die ursprünglich nur als Feuersäule errichtet worden sind, nachträglich aber zu einem Aussichtsturm umgebaut wurden. Der Umbau als Aussichtsturm erfolgte in Ettlingen im Jahre 1998.


Bauplanung

Unmittelbar nach dem Tode Otto von Bismarcks erging in Karlsruhe im August 1898 ein Aufruf für die Errichtung eines Bismarck-Denkmals.

Studenten der Universität Fridericiana Karlsruhe (Polytechnische Hochschule) bildeten im Wintersemester 1899/1900 einen „Studentischen Ausschuss zur Errichtung einer Bismarcksäule“, um die Finanzierung und Koordination dieses Bauvorhabens zu organisieren.

Forstmeister Rudolf Widmann aus Ettlingen, der Anfang 1900 mehrere Waldparzellen in Ettlingen mit einer Gesamtfläche von 606 m² für 484 Mark erworben hatte, stellte der Karlsruher Studentenschaft das gerade erworbene Waldgrundstück auf dem Wattkopf als Standort für die Bismarcksäule zur Verfügung. Die Studentenschaft war an diesem Platz besonders interessiert, da sie seit Jahrzehnten die Sommersonnenwende auf dem Wattkopf mit Fackelzügen gefeiert hatte.

Die zur Verfügung gestellte Waldparzelle lag an der der Stadt zugewandten Seites des Wattkopfes (Westhang), etwa auf halber Höhe des Wattkopfhanges (auch "Robberg" genannt).

Die Feuersäule (ursprünglich ohne Aussichtsfunktion) wurde vom Architekten Professor Friedrich Ratzel aus Karlsruhe entworfen. Die Finanzierung des Bauvorhabens erfolgte hauptsächlich durch Spenden. Die Studentenschaft organisierte Gartenfeste, Varietes und Sammlungen. Einige Professoren hielten öffentliche Vorträge, um weitere Geldmittel für den Turmbau zu beschaffen.

Die Stadt Karlsruhe spendete 1.000 Mark. Die Stadt Ettlingen lehnte die Bezuschussung des Turmbaues (Gegenstimmen von SPD und Zentrum) aus unterschiedlichen Gründen ab. Gründe im katholischen Ettlingen waren die Erinnerungen an das Eingreifen der Preußen während der Badischen Revolution, der Kulturkampf, Schwierigkeiten mit Königlich-Preußischen Unteroffiziersschulmitgliedern und das Unverständnis für Karlsruher Studenten, die Ettlingen finanziell keinen Vorteil brachten). Um als Stadt nicht als bismarckfeindlich zu gelten, übernahm Ettlingen die Anlegung der Zufahrtswege.

Da sich die Studenten bei der Kostenkalkulation verrechnet hatten, fehlten bei der Schlusssteinlegung immer noch ca. 10.000 Mark an der Bausumme. Einige Professoren streckten den Studenten den fehlenden Betrag vor. Für Sommer 1902 wurde zudem ein großes Sommerfest zugunsten der Bismarcksäule geplant. In Ettlingen wurde das Bauwerk daher auch als „Schuldenturm“ bezeichnet.

Die Gesamtkosten für den Turmbau (einschließlich Terrassenanlage) betrugen 17.000 Mark.


Bauarbeiten

Ende 1900 wurde der Grundstein der Säule gelegt (nach anderen Quellen fand keine Grundsteinlegung statt) und mit dem Bau begonnen.

Als Baumaterial verwendete man rote Sandsteinblöcke (Albtalbuntsandstein), die in der Nähe des Wattkopfes gebrochen wurden.

Die Bauausführung übernahm Maurermeister Julius Schottmüller aus Spessart. Der Zugangsweg zum Turm wurde durch die Stadt Ettlingen angelegt.

Am 08.03.1901 wurde auf einer Versammlung der Studenten eröffnet, dass die Schlusssteinlegung am 01.04.1901 erfolgen sollte, als Einweihungstermin wurde der 21.06.1901 avisiert. Die erwarteten Spendenmittel waren zuvor nur spärlich geflossen, sodass die Finanzierung von Maurermeister Schottmüller bei Schlusssteinlegung noch nicht gesichert war.

Die Bauarbeiten am Turm gingen zügig voran, so dass man bereits am 01.04.1901 den Schlussstein legen konnte.


Turmbeschreibung

Der viereckige Aussichtsturm mit Befeuerungsmöglichkeit hat einen quadratischem Grundriss (5,30 m x 5,30 m) und eine Gesamthöhe von 17 m auf der Stadtseite (15 m auf der Bergseite).

Auf der Ostseite des Bauwerks (zum Wald hin) wurde ein halbrund eingefasster Weiheplatz mit Feueraltar errichtet, welcher die Fackeln der Studenten aufnehmen sollte. An der Nord- und Südseite führen jeweils 13 Steinstufen zu einer kleinen, mit einer Mauerbrüstung versehenen Aussichtsterrasse nach unten.

An den viereckigen Grundbau schließt sich im oberen Bereich ein von vier Säulen getragenes Kapitell an. Dieser Säulenabschnitt weist eine starke Ähnlichkeit mit dem von Wilhelm Kreis entworfenen Bismarcksäulen-Typ Götterdämmerung auf.

Das Kapitell trägt ein schmales Gebälk mit einer Steinplatte, in die vier aus Kesselblech geschmiedete quadratische Feuerschalen (Seitenlänge 0,50 m) eingelassen worden waren.

Die Befeuerung des Turmes erfolgte durch 4 Raummeter Tannenholz, Kolophonium und in Petroleum getränkte Pechkränze.

Auf der Bergseite ist ein Bismarck-Wappen, gefertigt von einem Karlsruher Künstler, angebracht.

Das Bauwerk wurde von der Studentenschaft als Feuersäule ohne Aussichtsfunktion angelegt. Durch den Zugang auf der Südostseite mit zwei Steinstufen (Höhe gesamt 0,45 m) war der Ausguck in Höhe der Säulen über eine rechtsdrehende Sandsteintreppen mit 46 Stufen (links an der Turmwand entlanglaufend) erreichbar. Dieser Zugang war lediglich zu Befeuerungszwecken angelegt worden. Der weitere Aufstieg zu den Feuerschalen war über außen angebrachte Eisenbügel auf der Nordwestseite möglich.

Nach dem Umbau im Jahr 1998 blieb die alte Steintreppe (Stufenbreite zwischen 0,68 m und 1,03 m) erhalten und wurde mittels eines Gitters gesichert. Eine neue, mittig installierte, stählerne Spindeltreppe (rechtsdrehend mit beidseitigen Handläufen) führt zum Ausguck nach oben. Die Spindeltreppe führt zunächst über 24 Stufen (Breite 1,00 m), danach über 22 Stufen (Breite 0,68 m, nach 11 Stufen ein Absatz) nach oben.

In Höhe des Säulenbeginns (12,45 m über Terrasse Stadtseite) wurde ein stählerner Austritt (3,53 m x 1,60 m [max.]) geschaffen. Durch ein eine Holztür (2,00 x 0,70 m) ist die Besucherplattform mit 1,27 m hoher Brüstung erreichbar. Bis zu acht Personen dürfen die Plattform zusammen betreten.


Turmgeschichte

An der Einweihungsfeier am 21.06.1901 am Tag der Sommersonnenwende nahmen ca. 1.000 Studenten (u.a. sämtliche Karlsruher Korporationen) an einem Fackelzug zum Turm teil. Während der Einweihung läuteten sämtliche Glocken der Ettlinger Kirchen (auch der katholischen Kirchen). Die Weiherede hielt Ingenieurpraktikant Specht als Vertreter des studentischen Ausschusses, der anschließend das Bauwerk symbolisch an die Stadt Karlsruhe übergab, in deren Namen es Bürgermeister Karl Siegrist übernahm. Abschließend richtete Rektor Prof. Dr. Otto Lehmann eine Ansprache an die Studenten.

Das Feuer auf dem Turmkopf wurde in den Abendstunden des Einweihungstages erstmals entzündet. In den vier Feuerschalen wurde ein Gemisch aus Erdöl und Pech mit Tannenholz verbrannt.

Am 27.06.1901 wurde der Bismarckturm per Schenkungsurkunde von Forstmeister Widmann der Stadt Karlsruhe übereignet. Somit wurde das Grundstück mit Turm zu einer Karlsruher Exklave auf Ettlinger Gebiet.

In der Folgezeit wurde bis 1914 jährlich an Bismarcks Geburtstag (01.04.) und zur Sommersonnenwende (21.06.) in Rahmen von Studentenfeiern die Feuerschale entzündet. In der Weimarer Republik nahm man die alte Tradition bis ca. 1933 wieder auf.

Der Zugang zum Turm wurde nach einem tödlichen Unfall in den 1940er Jahren mit Sandsteinblöcken vermauert. Die erste provisorische Sanierung durch das Stadtbauamt Ettlingen nach „erheblichen Beschädigungen“ (Ettlinger Oberbürgermeister) erfolgte im Jahre 1947.

Ab 1953 wurde, bis in die 1960er Jahre hinein, jeweils am 17. Juni der Tag der deutschen Einheit gefeiert. Die Feuerschalen auf dem Turm wurden nicht genutzt, man entzündete Feuer hinter dem Turm.

In der Folgezeit wurden wiederum Sonnenwendfeiern am Turm abgehalten.

Im Jahr 1977 wurde die Karlsruher Exklave (als „Karlsruher Stachel im Ettlinger Fleisch“) im Rahmen einer Regulierung der Gemarkungsgrenzen kostenlos der Stadt Ettlingen übereignet. Die Stadt Ettlingen hatte sich 32 Jahre lang um den Turm bemüht, doch scheiterten Einigungen zuvor an überzogenen Finanzforderungen (zwischenzeitlich 36.000 DM) der Stadt Karlsruhe. Der Bismarckturm ging 1977 als Schenkung Karlsruhes an die Stadt Ettlingen über.

Über eine Nutzung des Bismarckturmes wurde in Ettlingen ab 1993 diskutiert.

Im Jahr 1998 wurde das denkmalgeschützte Bauwerk für 150.000 Mark von Grund auf seitens des Stadtbauamtes Ettlingen und der Firma Heinz Heil aus Rheinstetten saniert. Der immer noch zugemauerte Eingang wurde freigelegt und mit einer Gittertür (0,80 m x 1,70 m) verschlossen. Die Sandsteinbrüstung wurde ausgebessert und das Bauwerk von Efeuranken befreit. Neben der alten Sandsteintreppe (wurde im Turm belassen) wurde eine Metall-Spindeltreppe eingebaut (Kosten: 100.000 Mark). Damit wurde die Feuersäule zu einem Aussichtsturm umgebaut.

Die Bauarbeiten waren im Herbst 1998 abgeschlossen.

Am Freitag, 01. Mai 1999 wurde der Turm erstmals der Öffentlichkeit als Aussichtsturm zugänglich gemacht. Seitdem bietet er bei gutem Wetter einen Ausblick bis zu den Vogesen und den Pfälzer Bergen.

Seit dem 30.04.2006 führt der 2,5 km lange Panoramaweg von der Innenstadt zum Wattkopf und wieder zurück. Am Fuße des Turmes, der Stadt abgewandt, befindet sich eine legale Grill- und Feuerstelle.

Das Bauwerk war im Mai 2014 in einem sehr guten, gepflegten Zustand.


Links

Google Maps

Google Earth

360° Panoramabild


Öffnungszeiten (Stand 2014):

April bis September an jedem 3. Sonntag im Monat von 11:00 - 17:00 Uhr

Außerhalb der Öffnungszeiten Schlüsselausgabe am Ettlinger Museum (Tel.: 07243/101-273)


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 138
- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von ETTLINGEN (Baden-Württemberg)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes; 8. Jahrgang 1910 (S. 168)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 41 "Bismarck-Feuersäule bei Ettlingen-Karlsruhe ", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Ehrhardt, Max: Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Thüringische Verlags-Anstalt Eisenach-Leipzig, 1903: 2. Teil, Nr. 52 „Die Bismarck-Säule zu Karlsruhe“
- Kehl, Markus: „Der Bismarckturm in Ettlingen - ein vergessenes Denkmal“, Facharbeit Universität Karlsruhe (TH)
- Lorch, Wolfgang: „Der Ettlinger Bismarckturm – Monument eines vergangenen Zeitgeistes“ in Ettlinger Hefte Nr. 33, herausgegeben von der Museumsgesellschaft Ettlingen, Ettlingen 1999, S. 5-24
- Amtsblatt der Großen Kreisstadt Ettlingen vom 21.09.1995 (Woche 38, Seiten 7-8), Presse- und Wirtschaftsverlag Oswald Nussbaum, Weil der Stadt
- Maße: Jörg Bielefeld, Remscheid (Mai 2014, ohne Gewähr)


Fotos

- Wolfram Regner, Ingolstadt (April 2000)
- Lars Lenzner, Hückeswagen (Februar 2006)
- Albrecht Behrends, Bochum (April 2009)
- Marek Moson, Wroclaw (Mai 2014)
- Jörg Bielefeld, Remscheid (Mai 2014)