Update: 08.02.2017

Bismarckturm durch Kreiskriegervereine
Der Bismarckturm in Bremerhaven

Bauplanung

Im Herbst 1904 regte der Deutschbund der Gemeinde Unterweser den Bau einer Bismarcksäule in der Gemarkung Schiffdorf an.

In einer von Prof. Dr. Gustav Holle (Deutschbund) geleiteten Versammlung im Café Funck in Bremerhaven am 17.10.1904 stellte man den Interessierten die Baupläne vor. Professor Dr. Holle und Unternehmer Heinrich J. Hinsch favorisierten einen Standort auf einer vorspringenden Geestzunge der Gemarkung Schiffdorf, einer großen Freifläche, die Prof. Dr. Holle bereits für den Bau der Bismarcksäule erworben hatte. Das Grundstück wollte er kostenlos zur Verfügung stellen.

Mit dem Standort waren mehrere Teilnehmer nicht einverstanden, man stritt in Folge über den möglichen Bauplatz. In der engeren Wahl waren die drei Hafenorte Schiffdorf, Lehe und Speckenbüttel.

Die meisten Anwesenden stimmten bei einer durchgeführten Abstimmung für Schiffdorf, worauf die Befürworter des Leher Standortes die Versammlung aus Protest verließen. Im Anschluss wurde das „Komitee zur Erbauung eines Bismarckturmes für die Unterweserorte“ gegründet. Als Vorsitzender dieses Komitees wurde Heinrich J. Hinsch gewählt. Auch in der Folgezeit führte der ausgewählte Standort zu Diskussionen, da Schiffdorf für die Standortgegner zu weit von den Unterweserstädten und der Weser entfernt war.

Bei einer Versammlung der Befürworter des Standortes Lehe im Kaffeehaus des Englischen Gartens in Lehe am 22.10.1904 wurde unter Leitung des Bürgermeisters Gustav Augspurg ein eigener Bismarckturm für Lehe diskutiert. Ein Komitee zur Errichtung eines Bismarckturmes in Lehe wurde gegründet. Es wurde vereinbart, zunächst einen provisorischen Turm im Stadtpark Speckenbüttel zu errichten.

An einer weiteren Versammlung in Bremerhaven nahmen Vertreter beider Komitees teil, auf der ein Ausschuss aus allen Interessenvertretern gebildet wurde. In der Versammlung wurden noch weitere Turm-Standorte, z.B. eine Anhöhe in der Nähe des Bremerhavener Wasserwerks in Langen, diskutiert. Letztendlich blieben nach umfangreicher Diskussionen die beiden Standorte in Speckenbüttel und in der Schiffdorfer Feldmark übrig. Letztendlich konnte man sich in dieser Versammlung nicht auf eine gemeinsame Position einigen. Die Pro-Fraktion für Schiffdorf gründete im Anschluss den „Verein für die Bismarcksäule vor Schiffdorf“.

Nach dieser Versammlung folgten Diskussionen auf politischer Ebene. Im Herbst/Winter 1904/1905 fiel die Entscheidung zu Gunsten des Bauplatzes in Schiffdorf.

Die Baukosten sollten durch Spendengelder und Mitgliedsbeiträge des Bismarcksäulen-Vereins aufgebracht werden.

Seit Herbst 1904 wurden Spendensammlungen für den Turm durchgeführt, die Anfang 1905 „gute Fortschritte“ machten.

Am 01.04.1905 wurde auf dem Bauplatz in Schiffdorf ein Bismarckfeuer entzündet, um den Bewohner der drei Unterweserorte zu veranschaulichen, dass der Platz für den Bau eines Bismarckturmes geeignet war. Am gleichen Tag wurde für „Baukünstler der Unterweser“ in lokalen Zeitungen ein engerer Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für den geplanten Turm ausgeschrieben. Bedingungen waren u.a. individuelles, der Umgegend angepasstes Bauwerk sowie ein Kostenlimit von 25.000 bis 30.000 Mark.

Im Mai 1905 war den Spendenfonds auf ca. 3.000 Mark angewachsen. Der Deutschbund gab an, das Turm-Projekt durch den Reinerlös des Verkaufs von Reiseführer für Bremerhaven und Umgebung zu unterstützen.

Am 22.10.1905 tagte das Preisgericht in Anwesenheit der Vereinsmitglieder.

Das Preisgericht bestand aus Schatzrat Bleßmann (Hannover), Direktor Herman Gebhard (Lübeck), Architekt Eduard Gildemeister (Bremen),  Kunstmaler Fritz Mackensen (Worpswede), Baurat Mohrmann (Hildesheim) sowie Kreisbaumeister Stüdemann (Geestemünde).

Aus den 14 Einsendungen wurden der Entwurf des Architekten Ernst Maaßen aus Bremerhaven [1878 – 1960] mit dem 1. Platz [Kosten: 30.000 Mark] einstimmig ausgezeichnet. Der 2. Platz wurde für den Entwurf der Architekten Bertram und Eits aus Bremerhaven [Kosten: 20.000 Mark] vergeben.

In der Versammlung des Preisgerichts wurde betont, dass der Bismarckturm nun als Zeichen der Eintracht der Unterweserstädte gelten solle.

In einer Versammlung Anfang 1906 entschied sich der Verein aus Kostengründen um und entschied sich für die Ausführung des Entwurfes der Architekten Bertram und Eits. Den Baubeginn plante man für den Sommer 1906, die Einweihung wurde auf den 01.04.1907 terminiert.

Aufgrund ausbleibender Spenden geriet das Turmbauprojekt für einen längeren Zeitraum ins Stocken. Anfang 1910 lagen die erzielten Spendeneinnahmen bei lediglich 7.400 Mark.

In einer Generalversammlung des Vereines beschloss der Verein die Auflösung und beabsichtigte, das Vereinsvermögen den vereinigten Kriegervereinen zu übertragen, welche als „Kampfgenossenverein an der Wesermündung“ das Turm-Projekt zum Abschluss bringen sollten. Vom Turm-Entwurf der Architekten Bertram und Eits wurde nun Abstand genommen. Architekt Georg J. Dixen aus Lehe lieferte einen neuen Entwurf.

Die fehlenden Geldmittel für den Bau sollten durch die Veranstaltung einer Lotterie von Haushaltsgegenständen vom 01. bis 30.05.1911 zusammenkommen. Diese Lotterie war vom Bremer Senat mit Zustimmung des Oberpräsidenten von Hannover genehmigt worden.

Die Kriegervereine der Unterweserstädte und der Kampfgenossenverein riefen ihre Mitglieder zur Teilnahme an der Grundsteinlegung des Bismarckturmes am 07.05.1911 auf.

Insgesamt 5.000 Zuschauer nahmen am 07.05.1911 an der feierlichen Grundsteinlegung für das Bauwerk auf der Feldmark Schiffdorf, einem ca. 1.000 m² großem Areal, teil, darunter alle militärischen Vereine der Unterweserstädte sowie der Nachbarorte. Der Vorsitzende des Geestemünder Kreiskriegerverbandes, Direktor Dr. Stephan, hielt die Festansprache. Die bei der Grundsteinlegung üblichen drei Hammerschläge wurden vom Unternehmer Heinrich J. Hinsch aus Bremerhaven zusammen mit der Losung: „Kameraden, seid einig, einig, einig!“ durchgeführt.


Bauarbeiten

Architekt George J. Dixen aus Lehe entwarf den Bismarckturm als Aussichtsturm mit Feuerschale. Ausführender Baumeister war Fr. Stindt.

Als Basis wurde ein mit heimischen Findlingen eingefasster Granitsockel errichtet. Als weiteres Baumaterial wurden Natursteine verwendet. Im Bauwerk wurden viele Stahlbetonbauteile (Geschosse und Gesimse) verarbeitet.

Die Feuerschale auf dem Turmkopf wurde mit Torf befeuert, dem jeweils drei Fass Petroleum zugesetzt wurden (Brenndauer jeweils ca. 4-5 Stunden).

Nach nur knapp vier Monaten Bauzeit konnte der Bismarckturm am 03.09.1911 eingeweiht werden.


Turmbeschreibung

Als Unterbau des 22,60 m hohen Bismarckturmes diente ein niedriges viereckiges Plateau, welches auf der Frontseite über eine breite Treppenanlage mit drei Stufen erreichbar war.

Sockelgeschoss

Über eine weitere, leicht schmal zulaufende Treppe mit drei Stufen gelangte man zu dem mit Findlingen verblendeten Portalvorbau.

Der groß dimensionierte Eingangsgiebel oberhalb des von zwei Säulen begrenzten Portals war mit einer reliefartigen Kaiserkrone des Deutschen Kaisers bekrönt, unter der die erhabene Aufschrift "BISMARCK" zu lesen war.

In der Ruhmeshalle wurden Denksprüche Bismarcks sowie ein 1,50 m x 1,50 m großes Bismarck-Relief angebracht.

Die Sockelhöhe betrug 8 m.

Der Sockelbau wurde von breiten Flügelmauern mit jeweils fünf rechteckigen Öffnungen flankiert. Auf jeder Seite schlossen die Mauern mit einem etwa 5 m hohen, viereckigen Pfeiler aus Findlingen ab, an deren Spitzen sich Aushöhlungen befanden, in denen bengalische Befeuerungen durchgeführt werden konnten.  

Umgang 1. Etage

Über eine freitragende, massive Treppe gelangte man von der Ruhmeshalle im Sockelgeschoss bis zu einer Tür zwischen zwei Säulen des Turmschaftes (Umgang in der 1. Etage).

Oberhalb des Portals setzte sich ein vorgezogener Eingangsbereich bis oberhalb des Sockelgeschosses fort und schloss als Redner-Balkon mit einer Brüstung ab.

Runder Turmschaft

Auf dem Sockelbau erhob sich ein runder Turmschaft (Durchmesser 9,10 m), der bis zum Gesims im gleichen Abstand mit zwölf schlanken vertikalen Säulen eingesäumt war. Eine Innen-Treppe führte bis zur runden Zinnenaussichtsplattform.

Turmkopf

Oberhalb des Gesimses schloss, abgesetzt mit einem Zinnenfries, die obere Kuppel-Rundung mit runder Zinnenaussichtsplattform an, in die die runde Feuerschale auf dem Turmkopf eingesenkt war. Über insgesamt 112 Stufen war die Aussichtsplattform erreichbar.

Besonderheiten

Beim Entwurf des Bismarckturmes von Architekt Dixen waren als Eck-Verzierung der Balkonbrüstung zwei große Siegesgöttinnen-Figuren vorgesehen. Ausgeführt wurden jedoch zwei Steinkugeln als Eck-Verzierungen.


Turmgeschichte

Die feierliche Einweihung fand am 03.09.1911 unter großer Beteiligung der Bevölkerung der Hafenorte statt.

Ein in Lehe gestarteter Festzug, welcher über Bremerhaven und Geestemünde führte, wo sich jeweils weitere Teilnehmer anschlossen, endete am Bismarckturm. Bei der Einweihung waren die staatlichen und städtischen Behörden und sämtliche Kriegervereine sowie die Schulkinder der drei Unterweserorte anwesend. Die Ansprachen wurden von Direktor Dr. Stephan und Gymnasiallehrer Albrecht aus Bremerhaven gehalten.

Nach dem Singen der Nationalhymne übergab Architekt Georg Dixen den Turmschlüssel an den Vorsitzenden des Vereins. Abgeschlossen wurde die Einweihung mit einem Kommers in den Tonhallen.

Für die Unterhaltung des Turmes kalkulierte man jährliche Kosten von 300 bis 500 Mark ein, die man aus dem Eintrittsgeldern (10 Pfg. pro Besucher) und dem Verkauf von alkoholfreien Getränken durch den Turmwärter decken wollte.

Der Krieger-Verband Bremerhaven organisierte zum 100. Geburtstag von Otto von Bismarck (01.04.1915) am Turm eine Bismarck-Gedenkfeier.

Im Jahr 1919 scheiterte eine Übernahme des Turmes in städtischen Besitz (Geestemünde hatte 1913 das Stadtrecht erhalten und war bis 1924 kreisfreie Stadt) an einem mehrheitlichen Beschluss der Bürgervorsteher-Sitzung. Die Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) und die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) votierten gegen den Eigentümerwechsel und begründeten dies u.a. mit den hohen Erhaltungskosten des Bauwerks. Die Kampfgenossenschaft hatte beabsichtigt, den Bismarckturm als Schenkung an die Stadt Geestemünde abzugeben.

Trotz des nicht durchgeführten Eigentümerwechsels ließ die Stadt einen befestigten und mit Bäumen umsäumten Weg von der östlichen Seite des Stadtparks zum Turm anlegen (Johann-Wichels-Weg).

Im Jahr 1922 wurde der Wert des Bauwerks auf 20.000 Mark geschätzt.

Im Jahr 1924 erfolgte die Vereinigung der Städte Lehe und Geestemünde zu Wesermünde (1947 in Bremerhaven umbenannt).

Am 13.10.1924 ging das Bauwerk nach Beschluss der städtischen Körperschaften durch Übereignung unentgeltlich in den städtischen Besitz von Wesermünde über.

In den 1920er Jahren wurden von Gutachtern größere Schäden aufgrund der Verwendung von qualitativ minderwertigem Baumaterial festgestellt. Erste Sanierungsarbeiten in Höhe von 1.100 Reichsmark wurden bereits 1926 durchgeführt.

Auf einer Versammlung des verbotenen RFB („Rot-Frontkämpfer-Bundes“) hatte am 13. Februar 1933 am Bismarckturm der Gauleiter Winter (KPD) zur Verhinderung eines SA-Propagandamarsches aufgerufen.

Ende 1941 wurde auf dem Turm durch die Kriegsmarine eine Flugabwehrkanone (Flak) installiert, die bis zum 07.05.1945 benutzt wurde.

Notwendige Sanierungsmaßnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nicht durchgeführt. Am 19.01.1956 erläuterte der Kulturausschuss in einer Sitzung den schlechten baulichen Zustand und die Gefahr durch herabstürzende Steine. Gutachter stellten fest, dass eine komplette Neuverfugung notwendig war. Zudem waren Mängel im Innern des Turmes und auf der Plattform zu beseitigen. Die zunächst zur Sanierung genehmigten 15.000 DM strich der Kulturausschuss im Jahr 1956. Kultur- und Finanzausschuss richteten stattdessen die Haushaltsstelle „Spenden für die Erhaltung des Bismarckturmes“ ein, um das Bauwerk wieder als Aussichtsturm nutzbar machen zu können.

Trotz zweier Spendenaufrufe kamen nur 500 DM von den Bürgern zusammen. Die Stadtbauverwaltung ermittelte im Januar 1957 die Kosten für Sprengung und Turmbeseitigung auf 6.000 DM.

Weitere Spendensuchen durch einen Stadtverordneten verliefen negativ. Am 10.04.1958 beschloss der Magistrat, aufgrund der mangelnden finanziellen Unterstützung der Bürger das Bauwerk abzureißen. Daraufhin gab es zahlreiche Proteste aus der Bürgerschaft gegen den Abriss. Die „Gesellschaft Bremerhaven 1947“ sammelte 3.860 DM an Spenden und gründete einen Ausschuss zur Erhaltung des Bismarckturmes. Bis Ende Juni 1958 stieg der Spendenfonds auf ca. 10.000 DM an.

Trotz des Eingangs weiterer Spenden, u.a. vom Kyffhäuserbund, wurden in den nächsten Jahren keine Sanierungsarbeiten durchgeführt.

Anfang 1965 sollte der zuständige Bremer Baudenkmalpfleger zwei Entwürfe zur Sanierung des Bismarckturmes vorstellen, wobei der zweite Entwurf auch eine Umgestaltung und Umnutzung des Bauwerkes beinhaltete (als Gedenkstätte für die Opfer und Gefallenen beider Weltkriege).

Am 01.04.1965 legten Anhänger der FDP und einige Landsmannschaften einen Kranz anlässlich des 150. Geburtstages von Otto von Bismarck am Turm ab. Mit der Zustimmung der SPD genehmigte der Bauausschuss am 13.04.1965 Instandsetzungsmaßnahmen mit einem Kostenvolumen von 40.000 DM.

In einem neuen Gutachten, welches am 07.12.1965 der Stadtverordnetenversammlung vorgelegt wurde, wurden zahlreiche Schäden dokumentiert. Eine neue Kostenschätzung der Sanierungsmaßnahmen belief sich auf 200.000 DM. Da dieser Betrag für die Stadt zu hoch war und das Bauwerk im maroden Zustand und nicht verkehrssicher war, wurde der Abriss beschlossen.

Ein Abrissversuch mittels Planierraupe und Drahtseil scheiterte.

Der Bismarckturm wurde am 01.03.1966 um 14:05 Uhr mittels 8 kg Plastiksprengstoff gesprengt.


Links (ehemaliger Standort: Nordholzweg, Ecke Taxusstraße)

Google Maps

Google Earth


Quellen

- Seele, Sieglinde: Lexikon der Bismarck-Denkmäler, Imhof-Verlag Petersberg, 2005, S. 76
- Seele, Sieglinde, Mannheim (Archiv Seele): BISMARCK-TURM von BREMERHAVEN (Hansestadt Bremen)
- von Bismarck, Valentin: Bismarck-Feuersäulen u. Türme (unveröffentlichtes Manuskript); Nr. 177 "Bismarck-Feuersäule Geestemünde-Schiffdorf", 1900 - 1915, 1937 (im Archiv der Burschenschaft Alemannia, Bonn)
- Zeitschrift des Bismarck-Bundes: 2. Jahrgang 1904 (Nr. 11/12, S. 10), 3. Jahrgang 1905 (Nr. 2, S. 5; Nr. 5, S. 6; Nr. 8, S. 10; Nr. 11, S. 11), 4. Jahrgang 1906 (Nr. 1, S. 13, Nr. 4, S. 59), 8. Jahrgang 1910 (Nr. 4, S. 61), 9. Jahrgang 1911 (Nr. 5, S. 93; Nr. 9, S. 167)
- Müller, Henning K.: „Erinnerung an den Gründer des Deutschen Reiches ausgelöscht“ – Der Bismarckturm in Schiffdorferdamm und sein Ende vor 50 Jahren (erscheint im Juni 2017 in den Jahrbüchern der Männer vom Morgenstern, Bremerhaven)