Update: 01.04.2016
Der Bismarck-Mythos
Der Kult um den Reichskanzler

Vor über 115 Jahren, am 30. Juli 1898 starb Otto Fürst von Bismarck im Alter von 83 Jahren in Friedrichsruh bei Hamburg. Der langjährige Reichskanzler wurde schon zu Lebzeiten beim Bürgertum zum Mythos und zur nationalen Kultfigur.

Als preußischer Ministerpräsident, als Bundeskanzler [!] im Norddeutschen Bund und als erster Kanzler des 1871 gegründeten Deutschen Reiches schaffte er die deutsche Nationalstaatsbildung, baute das Sozialversicherungssystem auf und erhielt durch vielfältige strategische Abkommen den Frieden in Europa.

Seine vor allem außenpolitischen Erfolge wurden durch innenpolitische Niederlagen überschattet. Zu erwähnen sind das von ihm entworfene Sozialistengesetz von 1878, welches den Behörden die Möglichkeit gab, Rechte der Sozialdemokraten durch Versammlungsverbot, Beschlagnahme von Druckerzeugnissen usw. einzuschränken. Da er die Aufgaben von Staat und Kirche schärfer trennen wollte, führte er über erlassene Gesetze und Verordnungen einen langwierigen "Kulturkampf" gegen die katholische Kirche. Doch diese innenpolitischen Niederlagen blieben beim beginnenden Bismarckkult, insbesondere beim Bürgertum, im Hintergrund.

Nach der Absetzung im Jahre 1890 durch den imperialistischen Kaiser Wilhelm II., dessen politischer Kurs auch zum Beginn des 1. Weltkrieges beitrug, wurde insbesondere vom deutschen Bürgertum dem Mann gedankt, der für den Zusammenschluss der norddeutschen und süddeutschen Staaten verantwortlich war, dem Schmied und Baumeister des Deutschen Reiches, Otto Fürst von Bismarck! An seinem 80. Geburtstag im Jahre 1895 erhielt Bismarck 378 Ehrenbürgerschaften verliehen. Nach seinem Tod steigerte sich die Verehrung in einen nahezu religiösen Kult (s. links oben das Ölgemälde "Apotheose" [= Vergöttlichung] von Ludwig Rudow 1890), der gleichzeitig aber auch Ausdruck nationaler Überheblichkeit war.

Dadurch setzte im Deutschen Reich ein Denkmalaufschwung ein. Die Bismarck-Ehrungen erfassten nicht nur Bismarck-Denkmäler (über 550), Bismarck-Türme (240), Bismarck-Brunnen und Bismarck-Steine, sondern auch ganze Ortschaften (Bismarckhütte in Oberschlesien), Ortsteile (Gelsenkirchen-Bismarck) und Inselgruppen (Bismarck-Archipel, heute: Papua-Neuguinea) in den deutschen Kolonien. Im Harz gibt es einen Bismarck-Tunnel, es gibt Bismarck-Höhen, Bismarckfelsen, Bismarck-Gruben usw.

Auch andere Bereiche wie Nahrungs- und Genussmittel (Bismarck-Heringe, Bismarck-Zigarren, Bismarck-Äpfel, Bismarck-Gurken, Biskuitrolle Bismarckeiche) und Natur (Bismarck-Sonnenblumen, Bismarck-Eiche, Bismarck-Linde) blieben nicht vom Bismarck-Kult verschont.

Weiterhin wurden über 300 Bismarck-Vereine gegründet, die u.a. die Errichtung von Bismarck-Denkmälern und -türmen anregten. Finanziert wurden diese Projekte durch Spendensammlungen und durch Feste und Veranstaltungen. Von den über 410 geplanten Bismarcktürmen wurden u.a. aufgrund des 1914 einsetzenden 1. Weltkrieges "nur" 240 Türme verwirklicht.


Eine umfassende und sehr empfehlenswerte Examensarbeit (als PDF-Datei, ca. 1,2 MB) über den Bismarck-Mythos (Universität Bielefeld, Fakultät für Geschichtswissenschaften und Philosophie) kann über den Verfasser Thomas Gräfe, Rudolph-Brandes-Allee 9, 32105 Bad Salzuflen, Tel.: 05222/600828,
Email:
tgraefe77 (at) yahoo.de oder über den Webmaster kostenlos per Email angefordert werden.


Diese Examensarbeit erschien im Herbst 2007 als Buch und ebook. Herr Gräfe stellt die Arbeit für Interessierte weiterhin kostenlos als PDF-Version zur Verfügung! (Stand: April 2016)


Polnische Version dieser Seite (Dank an Marek Moson aus Wroclaw/PL für Übersetzung)