Update: 18.08.2016

Durch den Gewinn des Bismarcksäulen-Wettbewerbs der deutschen Studentenschaft im April 1899 wurden erstmals architektonische Entwürfe des erst 26-jährigen Architekten Wilhelm Kreis ausgeführt. Insgesamt 47 Bismarcksäulen nach dem preisgekrönten Entwurf „Götterdämmerung“ wurden zwischen 1900 und 1911 im Deutschen Reich errichtet.

Wilhelm Kreis hatte bereits im Dezember 1896 den Wettbewerb des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig mit seinem Entwurf „Walküre“ gewonnen, zur Ausführung wurde aber letztendlich ein Entwurf des Architekten Bruno Schmitz (1858-1916) aus Düsseldorf gewählt.

Der Bismarcksäulen-Wettbewerb der deutschen Studentenschaft war der Startschuss einer jahrzehntelangen Karriere des am 17.03.1873 in Eltville am Rhein geborenen Architekten, der neben Paul Wallot zu den bedeutenden deutschen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte. Bereits kurz nach dem Wettbewerb beauftragte ihn die deutsche Studentenschaft im Juni 1899 mit einem weiteren Projekt: Dem Entwurf des monumentalen Burschenschaftsdenkmals in Eisenach nahe der Wartburg.

Im Jahr 1902 wurde Wilhelm Kreis Professor für Raumkunst an der Kunstgewerbeschule in Dresden. Er beteiligte sich erfolgreich an Raumgestaltungen mehrerer Kunstausstellungen, z.B. der Raumgestaltung der Weltausstellung in St. Louis. Neben den Architekten Fritz Schumacher und Hans Erlwein gehörte Kreis der Dresdner Künstlergruppe „Die Zunft“ (1906-1918) an. Der gesellige Architekt hatte Kontakt zu vielen Künstlern und war u.a. mit dem Schriftsteller Karl May befreundet, dessen Abenteuergeschichten ihn sehr beeindruckt hatten. Karl May verewigte seinen Freund als Figur Young Surehand in „Winnetou IV“.  In dem Spätwerk Mays will Young Surehand als Alter Ego von Kreis dem verstorbenen Winnetou eine riesige Denkmalstatue errichten.

Im Jahr 1906 entwarf Kreis den Neubau der Friedrich-August-Brücke (Augustusbrücke) in Dresden, die auch heute noch integraler Teil der schönen Stadtsilhouette der sächsischen Großstadt ist.

Kreis war am 05.10.1907 Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „Deutscher Werkbund“, welcher eine neue Sachlichkeit und Schlichtheit bei den architektonischen Formen, insbesondere bei Industriebauten, vertrat und sich gegen die alte Formgebung des Historismus wandte. Kreis konzentrierte sich zunehmend auf technische Bauten, Industrie- und Verwaltungsarchitektur.

Doch der Bau von Denkmälern blieb weiterhin eine Leidenschaft des Architekten. Zahlreiche Grabdenkmäler wurden nach seinen Entwürfen errichtet. Auch den Bismarcktürmen blieb der Architekt treu, für elf Auftraggeber entwarf er individuelle Bismarckturm-Entwürfe, wie z.B. in Jena, Radebeul sowie im Kyffhäuser-Gebirge.

Im Jahr 1908 bewarb sich Wilhelm Kreis, nach Vorschlag des Architekten Fritz Schumacher, erfolgreich als Nachfolger von Peter Behrens als Leiter der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule, die er bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs entscheidend prägte. Er revidierte den Reformkurs seines Vorgängers Peter Behrens, was Kreis zu vielen Aufträgen verhalf. Schüler von Kreis war u.a. Bildhauer und Architekt Arno Breker, mit dem er eine jahrelange Freundschaft pflegte.

Ab 1910 schuf Kreis riesige Warenhäuser, wie. z.B. die Warenhäuser Leonhard Tietz in Elberfeld und Köln (im Juli 1933 in Westdeutsche Kaufhof AG umgewandelt, heute GALERIA Kaufhof GmbH).

Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte Kreis zu den eher konservativen Architekten und nutzte das Formenrepertoire der klassischen Moderne, um das für ihn typische moderne Architektur-Pathos zu erzielen. 

Von 1920 bis 1926 lehrte Kreis als Professor an der Technischen Hochschule Dresden.

In der Weimarer Zeit engagierte er sich beim Hochhausbau, welcher vom Bautyp her in Tradition der monumentalen Denkmalbauten stand. Mit dem im Jahr 1924 fertig gestellten „Wilhelm-Marx-Haus“ in Düsseldorf entwarf Kreis das erste Hochhaus im Deutschen Reich. Als oft bestellter Gutachter und Preisrichter nahm er Einfluss auf Hochhaus-Wettbewerbe. Dabei vertrat er die Ansicht, Bauhöhen sinnvoll zu beschränken, wenn es angebracht schien, um nicht amerikanische Verhältnisse mit negativen Auswirkungen wie Verschandelung des Städtebilds und Einschränkungen für den Straßenverkehr zu erhalten.

Im Jahr 1924 wurde Kreis mit der Erstellung eines Gesamtplanes und den Dauerbauten der Groß-Ausstellung GESOLEI in Düsseldorf beauftragt. Kreis entwarf zahlreiche der Dauerbauten wie das Planetarium (heute: Tonhalle), Ehrenhof mit Kunstmuseum, Industriemuseum und das Rheinterrassenrestaurant. Die GESOLEI (Akronym für Gesundheitspflege - Soziale Fürsorge - Leibesübungen) war eine sehr erfolgreiche Gesundheitsausstellung in den Sommermonaten 1926 in Düsseldorf mit über 7,5 Millionen Besuchern. Die Dauerbauten des Ehrenhofes in Düsseldorf sind heute, z.T. umgebaut, erhalten und werden als Museen oder Veranstaltungsort (Tonhalle) genutzt.

Ab 1925 öffnete sich Kreis langsam den Gestaltungsformen der Moderne, plädierte aber weiterhin für eine Reduktion auf das Notwendige und gegen gestalterische Effekthascherei. Typische Beispiele mit gemäßigt moderner Formensprache sind seine Entwürfe für das Bahnhofsgebäude in Meißen (1927-1928) und die Kommunalbank in Bochum (1925-1928).

Im Herbst 1926 wurde Kreis als Leiter der Architektur-Abteilung der Dresdner Kunstakademie berufen. Ihm wurde insbesondere aufgrund der Erfolge der GESOLEI-Ausstellung in Düsseldorf gleichzeitig der Bau des Neubaus des Deutschen Hygiene-Museums übertragen, welches im Jahr 1930 eröffnet wurde.

Seine Öffnung zur modernen Formensprache, die Aufträge von jüdischen Großunternehmern wie Tietz sowie jüdische Verwandte und Künstler wurden ihm ab 1933 unternehmerisch zum Verhängnis. Von den Nationalsozialisten bekam der 60-jährige Architekt bis 1935 keine Aufträge mehr. Er verlor seine Ämter an der Hochschule in Dresden und den Vorsitz des Bundes Deutscher Architekten, den er seit 1926 innehatte.

Im Jahr 1936 wurde der Bau eines Luftgaukommandos in Dresden ausgeschrieben, für dessen Wettbewerb Kreis nicht zugelassen wurde. Erst als das Preisgericht seine Beteiligung direkt verlangte, wurde er nachträglich zur Fertigung eines Entwurfes aufgefordert, der dann einstimmig gewann. Kreis wurde dadurch rehabilitiert und stellte sein Schaffen den braunen Machthabern zur Verfügung. Albert Speer berief ihn 1938 für die Planungen zu Groß-Berlin, im Jahr 1941 wurde Kreis Generalbaurat für die deutschen Kriegerfriedhöfe und damit Vertreter der offiziellen Architektur des Dritten Reiches. Kreis entwarf nun zahlreiche Ehrenmale, Kriegerfriedhöfe und riesige Totenburgen, teilweise auch für andere Architekten. Von diesen im In- und Ausland geplanten Anlagen wurden nur wenige begonnen, aber keine vollständig ausgeführt.

Im Jahr 1944 siedelte Kreis, seit 1943 Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, in den Kriegswirren nach Leutstetten bei Starnberg um. Er war im gleichen Jahr von Hitler auf die sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“ gesetzt worden, die ihn als einen von 1.041 unverzichtbaren Künstlern in der Endphase des Zweiten Weltkrieges vom Kriegsdienst verschonte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingestuft. Zunächst kam er in einer Notunterkunft in Starnberg unter, bevor er 1947 zu seinem Neffen nach Bad Honnef zog. Der gesundheitlich angeschlagene Architekt, der seit dem Gewinn des Bismarcksäulen-Wettbewerbs wirtschaftlich immer gut gestellt war, hatte seine Existenzgrundlage verloren.

Nach der Durststrecke der frühen Nachkriegsjahre konnte er sich, insbesondere aufgrund seiner guten Kontakte zu anderen Künstlern und dem Renommee seiner bekannten Bauwerke, ab 1948 aktiv an der Wohnungsbauplanung in Düsseldorf und Essen beteiligen. In den Jahren 1951/1952 entwarf er die Landeszentralbank in Dortmund. Bis 1954 plante er zahlreiche Häuser und war am Wiederaufbau von kriegszerstörten Gebäuden beteiligt.

Kreis bekam anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahr 1953 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Am 13.08.1955 verstarb der 82-jährige Architekt an den Folgen eines Treppensturzes in Bad Honnef.

Wilhelm Kreis gehörte bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu den führenden deutschen Architekten. Er setzte mit den Bismarcksäulen den neuen Typus eines rein architektonischen Denkmals für die Bismarck-Verehrung durch und popularisierte diese. In der Weimarer Republik baute er neben dem ersten deutschen Hochhaus das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden und vertrat als Präsident des Bundes Deutscher Architekten mehrere Jahre die deutsche Architektenschaft. Im Dritten Reich plante er als Generalbaurat monumentale Ehrenmäler. In der Anfangszeit der Bundesrepublik Deutschland nahm er am Wiederaufbau teil. 

In allen vier Regierungsformen war Wilhelm Kreis als Architekt erfolgreich. Er hatte ein gutes Gespür für die gesellschaftlichen Verhältnisse und nahm an zahlreichen Wettbewerben als Bewerber und Preisrichter teil. Ihm gelang es als Architekt, historisierende und von ihm neu oder umgestaltete Bauelemente harmonisch zu einer geschlossenen Einheit zu fügen. Seine Änderungstendenzen waren abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Konstellationen, seine Entwürfe wurden, bis auf wenige Arbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, von klassizistisch-monumentalen Grundideen beeinflusst.


Abbildungen linke Spalte (von oben nach unten)

Foto Wilhelm Kreis (um 1920)
Foto Büste Wilhelm Kreis 2013 (Tonhalle Düsseldorf, Foto: Jörg Bielefeld, Remscheid)
Historisches Foto Rheinrestaurant / Rheinterrassen GESOLEI Düsseldorf 1926
Ansichtskartenmotiv Wilhelm-Marx-Haus Düsseldorf um 1930
Foto Straßenschild Düsseldorf, Wilhelm-Kreis-Straße 2013 (Foto: Jörg Bielefeld, Remscheid)
Historisches Foto Büste Wilhelm Kreis (Büste von Arno Breker)
Ansichtskartenmotiv Burschenschaftsdenkmal Eisenach 1905
Stempelmotiv Architekt Wilhelm Kreis, Dresden
Historisches Foto Warenhaus Althoff in Essen 1912